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Australia Day vs Invasion Day

G’day, Mates,

heute ist Australia Day in Australien. Deshalb möchte ich diesen Anlass nutzen, um über den wohl kontroversesten Feiertag Australiens zu sprechen, der von vielen auch Invasion Day genannt wird. Es ist wichtig, zu wissen, wieso dieser Feiertag das Land spaltet und deshalb nutze ich die Gunst der Stunde.

Vorweg: Ich schildere die historischen Ereignisse in stark geraffter Form, denn dieser Blogpost ist ja kein historischer Roman, sondern soll nur einen Überblick geben, wieso dieser Feiertag kritisch betrachtet / begangen werden sollte und warum viele dafür sind, die Ereignisse an einem anderen Tag zu feiern. Des Weiteren sei gesagt, dass ich hier als weiße Europäerin spreche, die sich dieses Wissen durch Lektüre, Filme, Museumsbesuche und Gespräche mit Einheimischen angeeignet hat.

Was wird eigentlich gefeiert?

Der Australia Day ist ein nationaler Feiertag und feiert die Ankunft der ersten „Siedler“-Flotte in Sydney am 26.01.1788 und stellt damit für viele den Tag der Besiedlung des Landes dar. Quasi der Tag, an dem Australien entstand.

In Großbritannien quollen damals die Gefängnisse vor Straftätern über; man hatte keinen Platz mehr für alle Gefangenen und musste nach einer Lösung suchen. Da man sie loswerden wollte, erschien es sinnvoll, die Strafgefangenen nach Australien zu schicken. So verhinderte man Aufstände und gleichzeitig auch die Ausbreitung von Krankheiten.

Man begann nach Ankunft in Australien damit, das Land zu zu kolonialisieren. Die erste Siedlung, Sydney, begann sich zu formen.

Und warum gibt Proteste?

Nun. Das Land „gehört“ rechtmäßig den Aborigines – den Ureinwohnern Australiens. Den Menschen, die lange vor der Ankunft der weißen Siedler dort gelebt haben. Im Einklang und Respekt mit der Natur.

Beispielsweise glauben die Aborigines an die Songlines, eine Art Karte des Landes, die mündlich überliefert werden. Anhand dieser „Wege“ werden Ahnengeschichten erzählt, die für die Kultur essentiell sind. Deshalb ist es teilweise auch Touristen verboten, Fotos von sakralen Orten zu machen, um die Ahnen nicht zu stören. Stellt euch nun vor, dass quer durch die Songlines turbulente Städte gebaut werden, die diese Ruhe zerstören – und damit auch respektlos den Aborigines gegenüber handeln.

Es ist leider wie in so vielen Ländern, in denen die Weißen glauben, an der Macht zu sein: Es gab nach der Besiedlung Machtkämpfe zwischen den Siedlern und den Aborigines, die teilweise auch sehr blutig endeten. Das Ganze baute sich über die vielen Jahre so weit auf, dass Aborigines nicht einmal an den Wahlen ihres eigenen Landes teilnehmen durften, nicht die gleichen Löhne wie die Weißen erhielten und praktisch wie Aussätzige und Abschaum behandelt wurden. In ihrem eigenen Land, das sie nicht willentlich hergegeben haben. Es wurde ihnen genommen.

Die Stolen Generation

Ein sehr dunkles Kapitel der australischen Geschichte ist das der Stolen Generation, wobei man eher im Plural sprechen muss. Zwischen etwa 1950 und 1970 wurden die „Mischlingskinder“, also Kinder, die von Aborigines und Weißen (meist den Siedlern) abstammten, von sogenannten Missionaren gestohlen. Das muss man sich leider wirklich so vorstellen. Die Weißen sind mit Autos und manchmal Hunden in die Siedlungen der Aborigines gestürmt. Während die einen mit den Erwachsenen kämpften, rissen die anderen die Kinder an sich und brachten sie in die Missionsstationen, um sie zu „Weißen“ umzuerziehen. Dort erhielten sie eine Schulbildung und ihnen wurden die christlichen Werte eingetrichtert. Für ein Volk, das als Jäger und Sammler lebt, ein krasser Schritt. Und leider blieb es nicht nur dabei. Viele Kinder wurden vergewaltigt, verprügelt und mussten wie Sklaven ihr Dasein fristen. Denn schnell wurde deutlich, dass die Maßnahmen nicht aus Nächstenliebe geschehen sind. Es ging eher darum, die Kontrolle über die Population zu erhalten.
Selbst heute noch leiden die Betroffenen darunter. Ältere Generationen können nicht über diese traumatischen Ereignisse sprechen, was auch bedeutet, dass sie ihr Wissen, das meist nur mündlich überliefert wird, versiegt. Sie können ihre Kultur nicht ausleben, weil sie diese gar nicht erlernen konnten. Sie wurden ihres ganzen Daseins beraubt. Unnötig zu sagen, dass viele Aborigines noch heute nach ihren verlorenen Familienmitgliedern suchen. Die Zahl der Suchtkranken und Probleme mit Depression oder Suizid sind hoch.
Erst 2008 hat sich Primeminister Rudd für die Ereignisse entschuldigt – zu spät und nicht gut genug, finden viele.

Aufgrund dieser zahlreichen, leider oft negativen Entwicklungen, sprechen viele nicht vom Australia Day, sondern vom Invasion Day. Zum Beispiel spricht sich auch Autor Jay Kristoff offen gegen den Australia Day aus. Auch Schauspieler Chris Hemsworth ist dafür, das Datum zu ändern.

Change the date – was bedeutet das?

Wie aus den Beiträgen zu entnehmen ist: Viele wünschen sich eine Datumsänderung für den Feiertag.

Schaut man sich die gesamte Historie dieses Feiertags an (die ich euch im Detail erspare, keine Sorge), sieht man, dass die offiziellen Feierlichkeiten gar nicht so lang bestehen, wie man es jetzt glauben mag. Sowieso ist Australien ein sehr junges Land, das darf man bei allem nicht vergessen.

Die Proteste, das Datum vom Australia Day zu ändern, werden lauter, da viele es nicht angemessen finden, an einem Tag Feierlichkeiten abzuhalten, der für viele ein Trauma ausgelöst hat. Die Meinungen aller Australier sind in zwei Lager gespalten – die, denen das scheißegal ist und die, die für mehr Rechte und Akzeptanz der Aborigines kämpfen.

Für mein Empfinden gibt es kein Thema, das die Gemüter der Australier so hochkochen lässt, wie dieses.

Als ich in Melbourne war und im Botanischen Garten eine geführte Tour von einem Aborigine machte, sprach ich ihn darauf an. Er meinte, dass es ihm gleichgültig sei, ob an diesem Tag oder einem anderen gefeiert wird. Die Grundhaltung der Australier mache ihm mehr Gedanken und irgendwo kann ich auch diese Ansicht nachvollziehen.

Heißt das jetzt, ich darf Australien nicht feiern?

Wenn du mich fragst, lautet die Antwort Nein. Nicht an diesem Tag.
Meine ehrliche Antwort lautet aber: Tu das, was für dich richtig ist. Das hat keiner von außen zu beurteilen.

Australien ist trotz seiner Probleme ein wundervolles Land. Und es ist total richtig und okay, das Land der Koalas (und giftigen Spinnen ;)) zu feiern – aber eben vielleicht nicht am 26. Januar.

Aber man sollte sich absolut klar darüber sein, dass dieser Tag für sehr, sehr viele Menschen, den Ureinwohnern und rechtmäßigen „Besitzern“ des Landes, ein Tag des Verlusts, Traumas und der Angst ist. An diesem Tag hat man ihnen das Land weggenommen. Und damit auch die Kultur und Geschichte ihres Volkes.

Natürlich ist niemandem damit geholfen, den Tag zu verteufeln und schmollend in der Ecke zu sitzen. Ein guter Ansatz wäre es, sich Zeit zu nehmen, das Wissen über diesen problematischen Tag und auch über die Geschichte und Kultur der Aborigines zu vertiefen.

Ich hoffe, ihr habt heute ein bisschen was dazu gelernt. Ich habe mir Mühe gegeben, die Fakten so kurz wie möglich und so ausführlich wie nötig weiterzugeben.

No worries,

Sarah

Weiterführende Links:
Australia’s History
Aborigines
Stolen Generation
National Sorry Day
Invasion Day – Change the date