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Coober Pedy: Ein Hauch von Nichts

Coober Pedy. Eine ganz besondere Stadt im Bundesstaat South Australia, mit dem Auto knapp acht Stunden von Adelaide entfernt und liegt mitten im Outback. Genauer gesagt: Mitten im Nichts. Also wirklich Nichts. Und doch ist Coober Pedy berühmt – als Hauptexportschlager für Opale, Drehort von Mad Max, Pitch Black und Red Planet.

Doch was macht diese Stadt außerdem so besonders? Und wieso fand ich es dort so schrecklich?

Mir wurde Coober Pedy immer als absolut trostlose Hölle beschrieben. Wenn ich zu anderen Mitreisenden oder auch Australiern sagte, dass ich dort drei Tage bleiben möchte, wurde ich schon halb ausgelacht. „Mach einen Tag draus, das reicht“.

Ich habe es nicht in meinen Kopf bekommen, wie trostlos ein Ort sein kann, der eigentlich viel Spannendes zu bieten hat: Untergründige Häuser, Minen für Opale, einen ganz eigenen und krassen Lebensstil fernab von allem und Outback drumherum. Das klang in meinem Kopf interessant und sehenswert.

… bis ich selbst in Coober Pedy ankam.

Es war knapp 5 Uhr morgens, als ich nach einer Nachtfahrt vollkommen übermüdet und vom Greyhound-Bus in völliger Dunkelheit zu meinem Hostel stolperte, das auch untergründig lag. Der Besitzer, ein zahnloser älterer Mann, begrüßte mich mit breitestem australischen Akzent und ließ mich direkt ins Hostel. Ich lief einen unbeleuchteten schmalen Gang hinunter und fand mich in einem anderen wieder, von dem Vorhänge zu den jeweiligen Zimmern abzweigten. Man hörte aus den verschiedenen Räumen leises Gemurmel, aber hauptsächlich das Schnarchen anderer Menschen. Die Zimmer hatten den Charme einer Militärkaserne – in die oberen Stockbetten musste man wohl hüpfen, da diese nicht einmal eine Leiter hatten. Die Wände bestanden aus dem originalen Stein der Erde und waren unverputzt, was super cool und gleichzeitig fürchterlich beängstigend war. Erst da wurde mir bewusst, wie viele Meter ich unter der Erde war und das hinterließ ein merkwürdiges Gefühl in mir. Ich versuchte, nicht in Panik zu verfallen.

Am liebsten wäre ich da schon wieder gegangen, aber ich hatte vor, die drei Tage zu bleiben, mir alles anzusehen, um ein Gespür für diese abgefahrene Lebensweise zu erhalten und vor allem wollte ich mehr über das Minengeschäft lernen. Etwas, womit ich mich nie zuvor beschäftigt habe und was ich bisher immer langweilig gefunden hatte. Also frühstückte ich in dem Gemeinschaftsraum, der allenfalls mit viel Wohlwollen als heruntergekommene Bahnhofshalle herhalten konnte, machte mich auf den Weg in das „Zentrum“ und sah exakt

… nichts.

Ich mein, logisch. Wenn 90% der Stadt untergründig liegt, sieht man oberhalb der Erde nicht viel. Aber ich lief die Hauptstraße hoch und runter und … das ist Coober Pedy. Augenblicklich verstand ich, wieso mir alle einen Vogel gezeigt hatten, als ich meinte, ich wollte drei Tage bleiben.

Ehrlich gesagt, hegte ich selbst Zweifel daran.

Also versuchte ich, das Beste aus der Situation zu machen: Ich schaute mir die Museen an, die ich fußläufig erreichen konnte und lernte viel über die Minenarbeit, Bergbau generell und sah auch einige untergründige Häuser. Es ist schon verrückt und irgendwo auch faszinierend, was man untergründig alles bauen kann. Von Wasserpültoiletten über Kirchen bis hin zu einem Pool war wirklich alles dabei.

Es ist für mich unfassbar faszinierend, wie man aus so einem absolut abweisenden und ungastlichen Ort etwas erschaffen kann, in dem der Mensch wirklich lebensfähig ist. Klar. Es gibt kein wirkliches kulturelles Leben, wie man es hier kennt. Man muss eine Menge Abstriche machen. Aber man hat ein Dach über dem Kopf, Fernseher, 4G-Internet (was man von vielen U-Bahnlinien in Berlin nicht behaupten kann!) und viele haben eine Bar, Billiardtisch oder eben auch einen Pool im Haus. Durch die Minen und den Tourismus gibt es doch auch sehr viele Jobs – die gar nicht mal so schlecht bezahlt werden. Das klingt doch eigentlich gar nicht so abwegig, sich dort niederzulassen, oder?

Es war eine absolut krasse Erfahrung, sich mit dem untergründigen Leben zu beschäftigen. Während draußen über 30 Grad waren, war es im Untergrund angenehm kühl – das ist auch der Hauptgrund, weshalb man überhaupt so gebaut hat. Wenn im australischen Sommer 50 Grad Hitze herrschen, geht es nicht mehr anders. Dem Gefühl, einfach kein Tageslicht zu haben und auch in einer sehr geräuschlosen Welt zu leben. Was Vorteile hat, aber auch Nachteile. Draußen zieht das Leben an einem vorüber und man bekommt nichts davon mit. Es hat schon ein bisschen was von einem Bunker, wenn ich ehrlich bin. Zumindest stelle ich mir das ein wenig so vor. Zum Ende hin schlug mir das Ganze auch auf den Kreislauf, weil die Luft nicht die beste ist und mir kurzzeitig etwas schwindlig wurde.

Ich fand es spannend zu sehen, wie die ersten Siedler in dieser Region ihre Häuser unter der Erde gebaut haben und wie sich das alles weiterentwickelt hat zu dem, was Coober Pedy heute ist. Teilweise war das Erschaffen der Wohnhöhlen gar nicht mal so ungefährlich und einige Videos im Museum jagten mir Gänsehaut über den Rücken. Das fand ich absolut sehenswert und auch sehr inspirierend. Denn irgendwann, da bin ich mir sicher, wird auf der Erde kein Leben mehr möglich sein, weil es einfach zu heiß wird. Und wenn wir dann an diesem Punkt angekommen sind, ist uns Coober Pedy um Einiges voraus.

Ich wollte mir dann noch eine aktive Mine, etwa 20min außerhalb von Coober Pedy anschauen, leider kam ich dort nicht zu Fuß hin. Die Dame am Tresen war total lieb und holte mich und eine andere Person aus dem Hostel ab und verlangte nicht einmal eine Bezahlung dafür. Das war echt total liebenswürdig und sehr gastfreundlich. Etwas, worüber ich noch immer staune, da alles in Coober Pedy so ausladend wirkt. Während der Fahrt hat mir ihr zahnloser alter Hund die Beine vollgesabbert, während sie wissen wollte, was jemanden wie mich nach Coober Pedy verschlägt.

Ich habe dann dort eine knapp zweistündige Führung mitgemacht und das war wirklich interessant. Zum einen die vielen Gerätschaften zu sehen, mit denen der Opal aus dem Gestein gehoben wird und zum anderen auch, wie sich die Methoden über die vielen Jahre entwickelt haben. Solche Dokumentationen habe ich bisher immer erfolgreich im Fernsehen weitergeschaltet, aber jetzt aktiv zu sehen, wie Bergbau funktioniert, war spannend.

Toll war, dass man bei dieser Führung wirklich viel ausprobieren durfte und auch einige der Maschinen unter Aufsicht selbst bedienen konnte. Das hat echt Spaß gemacht und das ganze, für mich doch sehr trockene Thema, lebendig gemacht.

Doch dann kehrte ich zurück ins Hostel und verbrachte meine erste Nacht im Untergrund. Irgendjemand empfand es als gute Idee, sein Baby mit in so ein Hostel zu nehmen und mit dem schreienden Kind auf dem Gang auf und ab zu laufen. Da hatten durch die Vorhänge alle was von. Irgendwer schaute bis spät in die Nacht Animes und ich fühlte plötzlich sehr deutlich, dass ich mich unterhalb der Erde befand und bekam teilweise Beklemmungen. Ich schlief gefühlt fast gar nicht und das nagte am kommenden Tag sehr an mir.

Am nächsten Morgen war mir klar, dass ich es nicht zwei weitere Tage hier aushielt. Ich kann euch gar nicht beschreiben, wie sich das angefühlt hat. Aber Coober Pedy ist so trist und so harsch, so … krass.

Drumherum ist einfach ein Nichts. Und wenn ich nichts sage, meine ich genau das:

Man dreht sich im Kreis und sieht einfach … gar nichts. Das ist krass. Das kenne ich so aus Deutschland nicht. Ich hatte teilweise das Gefühl, auf dem Mars oder in irgendeinem krassen Science-Fiction-Film gelandet zu sein. Dabei war ich „nur“ in Coober Pedy.

Für jemanden, der aus einer Großstadt mit knapp 4 Millionen Einwohnern kommt und für den es immer irgendeinen Bus oder eine Bahn gibt, mit der man 24/7 nach Hause kommt, war das ein Schock. Ich wusste es ja, aber das zu sehen und mit allen Sinnen zu erfahren, war krass.

Ich habe Panik entwickelt, nicht mehr von Cober Peedy wegzukommen. Keine Ahnung, woher diese innere Gewissheit dieses absolut absurden Fakts kam, aber ich hatte wirklich Angst. Das ist halt keine Stadt, sondern ein Außenposten mitten im Nirgendwo, der zudem unfassbar ungastlich wirkt. Mich hat das total eingeschüchtert und irgendwo auch abgestoßen. Also habe ich kurzerhand meine Fahrt umgebucht und an meinem zweiten Tag eine Rundführung gemacht, bei der diese Bilder entstanden sind. Wir haben uns einige Landschaften rund um Coober Pedy angesehen (was sich null gelohnt hat, weil man nichts sieht) und auch einen Bergbau besucht und noch einmal einige Häuser angesehen. Es war schon eine nette Tour, weil ich so auch sagen kann, dass ich wirklich ausgeschöpft habe, was geht, aber puh. Es hat mich ein wenig an meine mentalen Grenzen gebracht, das auszuhalten.

Ich habe mich während meiner gesamten Reise, die ich bis auf die letzten acht Wochen allein gestaltet und verbracht habe, nie so einsam gefühlt wie in Coober Pedy. Heimweh hatte ich nicht, aber ich wurde mir plötzlich der Tatsache bewusst, dass ich komplett allein am anderen Ende der Welt und damit auch mitten im Nirgendwo war. Zwar mit 4G-Internet, aber ich fühlte mich abgeschnitten vom Leben.

Glücklicherweise ging mit dem Buchen alles gut und ich konnte am nächsten Tag um 5 Uhr die Flucht antreten. Ich war schon um 4.40 am Busstop und einfach niemand war da. Es war tierisch windig und ich hatte die ganze Zeit Panik, der Greyhoundbus würde nicht kommen. Das tat er aber und der Fahrer war ziemlich irritiert, weil ich so nervös war und die ganze Zeit Stress gemacht hatte, weil ich unbedingt losfahren wollte 😀

Insgesamt kann ich sagen: Aus meinem absoluten Highlight in Coober Pedy wurde ein totales Lowlight. Ein Tag reicht absolut. Und da Coober Pedy so weit weg ist von allem anderen, was man sehen will, sage ich mal frech, dass man es sich verdammt gut überlegen sollte, ob man dort überhaupt hinfährt. Die Flüge sind praktisch unbezahlbar. Auf dem Weg von Adelaide über Uluru Richtung Darwin kann man den Stopp mal mitnehmen, aber seien wir ehrlich – die meisten fliegen dorthin. Denn die Busfahrt dauert knapp 44 Stunden.

Dennoch fand ich es spannend, mehr über die Opalminen zu lernen und auch zu erfahren, wie es sich anfühlt, untergründig zu wohnen. Bereuen tu ich den Zwischenstopp auf keinen Fall, weil ich mir so meine eigene Meinung gebildet habe.

Für mich und mein Panikhirn war das leider absolut nichts, aber ich bin froh und auch ein wenig stolz, dass ich es wenigstens zwei Tage ausgehalten habe.

No worries,

Sarah