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Die Pille ist gefährlich!!!!! – Moment. Was?

„Sarah sinniert” ist eine Art Kolumne, in der ich mich jeden Monat zu einem Thema äußere, meine Gedanken und Gefühle teile und mich kritisch mit Problemen auseinandersetze, die in unserer Gesellschaft auftauchen. Ich freue mich auf konstruktive Diskussionen mit euch und hoffe, dass ich dem einen oder anderen einen neuen Blickwinkel eröffnen kann.

Warum ich es kritisch sehe, als „Skinfluencer“ ohne medizinische oder pharmazeutische Ausbildung vor der Pille zu warnen:

Immer wieder begegne ich in Social Media der Diskussion rund um die Pilleneinnahme – ja oder nein?, die Folgen / Konsequenzen einer (langen) Einnahme der Pille und das Absetzen dieser. Dabei sind vor allem die selbst ernannten „Skinfluencer“ die lautesten Stimmen, die vehement vor der Einnahme der Pille warnen und denjenigen ein schlechtes Gewissen einreden, die die Pille nehmen. Aber auch „normale Menschen“ bezeichnen die Pille als Teufelszeug und posaunen ungefiltert heraus, wie gefährlich diese ist.


Moment. Was?


Ich gehöre zu der Gruppe, die die Pille knapp 10 Jahre eingenommen hat, sehr genau weiß, wie diese funktioniert und sich des krassen und massiven Eingriffs auf den Körper bewusst ist. Und ja, auch ich hatte und habe ich mit heftigen Nebenwirkungen zu kämpfen. Trotzdem würde ich die Pille niemals als gefährlich betiteln oder schlechtmachen.

Warum?


Dazu muss ich kurz ausholen, Details erspare ich euch aufgrund mangelnden Platzes aber.


Ich hatte leider nie das Glück, reine Haut zu haben. Schon vor der Pubertät hatte ich oft mit Ausschlägen, allergischen Reaktionen und unreiner Haut zu kämpfen. Selbst während und inmitten der Pubertät war bis auf ein paar Pickelchen alles okay. Doch dann, als ich 16/17 war, änderte sich das schlagartig.


Ich war auf Klassenfahrt in Rom. Bis heute weiß ich nicht, was in den zwei Wochen passiert ist, aber ich habe seitdem nie wieder ohne Hilfsmittel aknefrei leben können. Ich kämpfe mein halbes Leben lang verzweifelt darum, wenigstens für ein paar Tage nicht wie ein Streuselkuchen auszusehen. In diesen vierzehn Tagen ist meine Haut in Pickeln explodiert. Ich hatte noch nie so schlechte Haut und so viele schmerzhafte Entzündungen im Gesicht, die sich nicht mal eben ausdrücken ließen.


Natürlich folgte ein Gang zum Dermatologen (nicht nur einer, um genau zu sein) und zwei Jahre später hatte ich das Problem trotz diverser unterschiedlicher Ansätze nicht im Griff. Ich trug Cremes auf, schluckte Nahrungsergänzungsmittel, Tabletten, machte einige Fruchtsäurepeelings und achtete streng auf meine Hygiene (obwohl Akne keine Konsequenz mangelnder Körperpflege ist!). Ich ging zur Kosmetikerin und probierte sämtliche Tipps aus dem Internet aus. Nichts half. Meine Haut wurde schlechter. Während meine Klassenkameraden weitestgehend pickelfrei waren, da die Pubertät überstanden war, steckte ich mittendrin.


Mein Selbstwertgefühl litt täglich. Ich hatte Schmerzen im Gesicht und war es leid, ständig penibel auf meine Pflegeroutinen zu achten. Und ich wollte zu meinem Abiball nicht aussehen wie eine „Pickelfresse“. Also gab ich nach und machte eine einjährige Isotretinoin-Kur, wegen der ich mit der Einnahme der Pille beginnen musste, da man unter diesem Medikament nicht schwanger werden darf. Meine Haut normalisierte sich (wobei ich mir rückblickend zu 100% sicher bin, dass es an der Pille lag und nicht an Iso) und ich habe seitdem mit irreparablen Nebenwirkungen zu kämpfen. Die Akne ist geblieben. Also anstatt Probleme zu beseitigen, habe ich seitdem nur noch mehr.


Mein Hautarzt sagte mir immer, ich hätte hormonelle Akne – ein Blutbild wurde von ihm nie gemacht und mit 17 habe ich das nicht hinterfragt.


2015 wollte ich die Pille absetzen, weil ich sie ausschließlich gegen die Akne nehme. Die Akne war nicht mal eine Woche später zurück. Schlimmer als je zuvor. Gleichzeitig auch die fettigen Haare, die ich mehrmals täglich waschen musste, da die Talgbildung auf Hochtouren lief. Etwas, was Isotretinoin langfristig beheben sollte, es aber bei mir nicht getan hat.


Ich ging also erneut zum Gyn, Dermatologen, Endokrinologen, Heilpraktikern und Diabetologen. Plötzlich stand die Diagnose PCO im Raum, die ich erst im Jahr 2021 widerlegen konnte. Wenn man die Pille absetzt, drehen die Hormonwerte komplett frei und es ist normal, dass man bei einer Blutanalyse Anzeichen für PCO zeigt, weil die Hormone erst einmal wieder lernen müssen, wieder selbst zu denken. Hat mir leider niemand gesagt, das musste ich erstmal ergoogeln. Den Ärzten war es wichtiger, mich in tausend Behandlungen und Krankheiten inklusive einer Lebenserwartung von 35 Jahren hineinzuquatschen, um an mir zu verdienen. Seitdem habe ich teilweise mit Panikattacken zu kämpfen.

Ich habe diesen Körper „zugeteilt bekommen“, in dem ich lebe. Mit allem, was dazugehört. Und ich habe eigentlich nur zwei Optionen: Entweder ich entlaste meinen Körper und und nehme die Pille nicht, leide dann aber psychisch unter der Akne. Dass ich bei beiden Varianten nicht wirklich etwas gewinne, ist offensichtlich. Außerdem ist das eine Entscheidung, die ich für mich treffen muss und die niemand bewerten darf. Schon gar keine Influencer auf YouTube, die mich, meinem Körper, meine Krankenakte und mein Leben nicht kennen und sich auch nicht täglich mit allen Konsequenzen darin bewegen müssen.

Lustigerweise sind es doch die genau diese Menschen, die jede noch so kleine Unreinheit mit Photoshop eliminieren, die stundenlang die richtige Pose austüfteln, damit sie schlanker aussehen und die so viele Filter benutzen, dass man sie auf der Straße niemals erkennen könnte. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Äußere ALLES bedeutet.

Und diese Menschen sagen mir, ich solle aufhören, die Pille zu nehmen, weil sie gefährlich!!!!!!!!!! sei und fordern demnach auch, dass ich mit Akne herumlaufe, weil das bei mir die Konsequenz darstellt?

Was glaubt ihr, wie man sich fühlt, wenn man mit etlichen Pickeln im Gesicht herumläuft, gegen die es kein Heilmittel gibt?

Haben die Personen, die so vehement gegen die Pille wettern, eigentlich Ahnung von Krankheiten wie zum Beispiel PCO, eine Krankheit, die noch immer unheilbar ist und deren Symptome nur durch Einnahme der Pille gelindert werden können? Oder Endometriose? Ebenfalls eine Krankheit, bei der die Pille die Beschwerden lindern kann.


Ich sage es nochmal ganz klar: Es gibt keine Heilungsmethoden gegen Akne. Alles, was diese ach so tollen Skinfluencer tun, ist, ihr Leben auf eine Krankheit ohne Heilung auszurichten, in der Hoffnung, Symptome lindern zu können und alles mit Filtern, Schminke und Photoshop zu überdecken, was sich ihnen in den Weg stellt. Sie beheben damit aber nicht die Ursache – Hormone, die außer Kontrolle sind.

Die Pille tut das auch nicht, das ist mir bewusst. Aber ich habe nicht die Arroganz, so zu tun, als wäre dem so.

Wieso schreibe ich also diesen Post?

Ich habe seit einem Jahr die Pille abgesetzt. Die Akne war dank der FFP2-Maske nach 5 Monaten wieder da. Ich habe absolut unreine Haut, vor allem am Kinn. Die dicken, knotenartigen Entzündungen im Gesicht tun weh. Die kriege ich auch überhaupt nicht mehr in Griff. Meine Haare fetten wie blöd. Klar, das macht mir Sorgen. Und klar verstehe ich auch, wieso alles so aus dem Gleichgewicht ist. 10 Jahre Pilleneinnahme gehen nicht spurenlos an einem Körper vorbei. Angst machen tut es mir nicht so sehr, da ich ja weiß, woher es kommt und dass es Zeit braucht, bis sich alles wieder regelt. Ich habe keinen Kinderwunsch, für den ein gut laufender Hormonhaushalt wichtig ist. Viel mehr leide ich psychisch unter den Folgen des Absetzens. Es gibt aktuell keinen Tag mehr, an dem ich nicht mit Tränen in den Augen in den Spiegel gucke und seit einigen Wochen wird die Stimme lauter, dass ich diesem Leiden mit der Pille schnell und unkompliziert ein Ende setzen kann. Warum soll und muss ich mich quälen?

Denn ich hatte in diesen 10 Jahren dank der Pille die Möglichkeit, aknefrei zu leben und mir fehlt das so sehr. Mir fehlt die reine Haut. Es geht mir überhaupt nicht darum, schön auszusehen oder alle Makel zu verstecken. Wie ich eingangs sagte: Akne ist ein gesellschaftliches Problem. Ich leide darunter, in einer von Perfektionismus getriebenen Welt als hässliches Entlein wahrgenommen zu werden, das ich nicht bin. Ich spüre täglich, wie der Blick meiner Mitmenschen sich auf mein Kinn richtet, statt mir in die Augen zu sehen. Ich verzweifele daran, dass es kein Heilmittel gegen Akne gibt, wenn ich in den Spiegel gucke und aussehe wie eine pubertierende 14-jährige. Und es macht mich wütend, wenn Influencer von oben herab sagen, ich tue meinem Körper Gewalt an, indem ich die Pille nehme und sie auch noch positiv bewerte – denn, wie kann man nur?!

Es war geil, nicht ständig auf meine schlechte Haut angesprochen zu werden, auch nonverbal. Ungefragt mit Tipps und Hinweisen bestürmt zu werden, die mir unterschwellig immer signalisieren, dass etwas mit mir nicht stimmt. Dass etwas an mir stört und behoben werden muss. Ich hatte 10 Jahre, in denen ich mich nicht für mein Gesicht schämen musste. In denen nicht jeder Blick in den Spiegel wehgetan hat. In denen ich mir nicht mehrmals täglich die Haare waschen musste, weil sie stark fetten. In denen meine Beschwerden während der Menstruation nicht so schlimm waren. Ihr glaubt gar nicht, wie viele Schulstunden ich wegen Unterleibsschmerzen verpasst habe. Und ja, ich finde es praktisch, genau zu wissen, wann ich meine Periode bekomme und nicht beim Badeausflug davon überrascht zu werden. Ständig nervös zu sein und vorm Urlaub ein paar extra Schlüppis einzupacken, falls man doch seine Periode bekommt. Das ist ätzend! Das nervt! Jetzt rollen diejenigen, die voll für natürliche Verhütung sind, sicherlich mit den Augen – mir schnuppe. Es ist mein Körper und mein Leben und ich hasse Dinge, die ich nicht planen und kalkulieren kann. Ich habe niemanden darum gebeten, alle vier Wochen zu bluten und alles, was mir diese leidige Angelegenheit erträglicher macht, nehme ich dankend an.

Ich bereue keinen einzigen Tag der Pilleneinnahme. Weil sie mir psychisch Ruhe geschenkt hat. Weil sie mir gesellschaftliche Teilhabe ohne Selbstwertkomplexe geschenkt hat. Weil sie mir ein aknefreies Leben geschenkt hat. Habt ihr mal das gesamt Kinn voller Eiter und versucht damit zu sprechen, zu lachen und beim Anblick in den Spiegel nicht zu verzweifeln. Dann habt ihr in etwa eine Ahnung davon, wie es mir gerade geht.


Ich finde es wichtig, über die Konsequenzen der Pilleneinnahme aufzuklären. Unbedingt und jederzeit. Berichtet ehrlich, authentisch, schonungslos und direkt davon, wie sehr euch die Pille zugesetzt hat. Warum ihr sie absetzt. Warum ihr sie nie wieder nehmen wollen würdet. Dreht darüber Stories, YouTube-Videos, schreibt (Blog-)Posts oder setzt euch in Talkshows und schreibt ein Buch darüber. Sehr gerne. Ich bin immer dafür, kritische Themen anzusprechen und präsent zu machen, zu enttabuisieren.


Aber warnt verdammt nochmal nicht vor der Pille, als wäre sie eine Atombombe. Redet euren Mitmenschen nicht ein, dass das, was sie ihrem Körper antun, fahrlässig ist. Ich sehe es auch kritisch, dass Ärzte ohne große Untersuchung schon 12-jährigen die Pille verschreiben und da muss die Diskussion dringend ansetzen. Hier muss die Gesellschaft dringend sensibilisiert werden.

Aber:

Ich habe mich bewusst für die Pille entschieden und ich würde es sofort wieder tun, wenn ich merke, dass der Leidensdruck zu groß ist. Noch hege ich Hoffnung, dass es irgendwann durch das Wegbleiben der Maske und einem stabileren Hormonhaushalt besser wird. Aber wenn nicht? Ich kann jederzeit zurück. Und das werde ich auch tun, wenn ich das möchte. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Dass ich zwar keine Heilung der Akne erhalte, aber wenigstens einen Way out, wenn es gar nicht mehr geht.

Und denkt dran: Viele Frauen müssen die Pille einnehmen, um Symptome von unheilbaren Krankheiten zu lindern, weil sie dadurch lebensfähiger werden und mehr Lebensqualität erhalten. Das ist doch trotz der fehlenden Heilungschance toll!


Ich lebe in meinem Körper. Nicht du. Nicht Skinfluencer 0815. Ich erlebe die täglichen Blicke, die Abneigung, den Verlust des Selbstwertgefühls. Nicht du. Nicht Skinfluencer 0815. Es ist mein Körper. Darüber hat niemand zu entscheiden.


Natürlich wird man, wenn man ein medizinisches Problem ohne Antwort hat, selbst zum halben Mediziner und Pharmazeuten. Merke ich selbst immer wieder. Und ich bin auch oft von Ärzten diesbezüglich enttäuscht und im Stich gelassen worden, weil sie mich nicht aufgeklärt haben.


Aber mit welchem Recht warnen Menschen ohne fundiertes medizinisches Wissen aufgrund einer Ausbildung vor der Pille? Warum kann man nicht einfach nur seine eigenen, subjektiven Eindrücke wiedergeben und den Menschen zutrauen, ihre eigenen Rückschlüsse zu ziehen? Warum muss man pauschale Aussagen treffen?


Ich sehe das Problem gar nicht mal so sehr in der Pille. Sondern eher in zwei anderen Bereichen: fehlende Akzeptanz von Krankheiten. Sei es Akne, PCO oder andere Krankheiten. Aber auch mangelndes Interesse der Pharmazie gegenüber Heilungsmethoden. Dazu könnte ich noch einmal einen ganz eigenen Post schreiben – werde ich eventuell auch tun.


Dazu abschließend noch drei Gedanken: Wäre Akne nicht noch immer als mangelnde Hygiene und hässliche Menschen gleichgesetzt, würde ich mich viel weniger dafür schämen, wie ich mit Pickeln aussehe und wäre viel eher dazu geneigt gewesen, die Pille abzusetzen. Die Entscheidung für die Pille war bei mir auch eine absolut gesellschaftliche, weil ich noch nicht so stark bin, mich darüber hinwegzusetzen. Mein Selbstwertgefühl macht das aber leider nicht mit. Gleichzeitig wäre es schön, wenn sich die Pharmazie nicht darauf ausruht, allen die Pille als Heilung gegen Akne zu verschreiben, sondern sich eher mal Gedanken darüber macht, wie man den Überschuss an Testosteron aus dem Körper zieht, anstatt diesen mit einer Überdosis Östrogen in Schach zu halten. (Ja, ich warte noch immer auf die ersten Studien der Akne-Impfung aus den USA. Dank Corona rückt das noch weiter in den Hintergrund). Und bitte hört auf, die Pille zu verteufeln. Wenn sie euch nicht gut getan hat, setzt sie ab und sprecht über das Warum aber warnt andere nicht davor. Ich bin verdammt dankbar, dass es die Pille gibt, die mir große Linderung verschafft und vielleicht sollten diese Menschen auch so sensibel sein und diese Seite in ihrer Ansicht aufnehmen. Alles andere ist unsensibel und arrogant. Wir sind doch alle so auf Toleranz-, Akzeptanz- und Kuschelkurs, oder?


Deshalb: Berichtet. Klärt auf. Aber überlasst die Entscheidung, was wer seinem Körper wie und womit antut, den Menschen selbst. Ihr steckt nicht drin und darüber könnt ihr in den meisten Fällen sehr froh sein.

No worries,

Sarah

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