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Warum ich mich für meinen Bachelorabschluss schäme

“Sarah sinniert” ist eine Art Kolumne, in der ich mich jeden Monat zu einem Thema äußere, meine Gedanken und Gefühle teile und mich kritisch mit Problemen auseinandersetze, die in unserer Gesellschaft auftauchen. Ich freue mich auf konstruktive Diskussionen mit euch und hoffe, dass ich dem einen oder anderen einen neuen Blickwinkel eröffnen kann.

Als ich 2010 (wo ist die Zeit hin?) mein Abizeugnis überreicht bekommen habe, war das ein magischer Moment. Alle Abiturienten und ihre Familien versammelten sich zu einer liebevoll arrangierten Abschlussfeier in der Aula der Schule. Es wurden Lieder gesungen, Reden gehalten und feierlich die Zeugnisse mit persönlichen Worten und Blumen überreicht. Danach ging man nach Hause, machte sich zurecht und ging abends zum Abiball. Tanzte sich die Seele aus dem Leib, weil man stolz und glücklich war, diesen langen und und scheinbar niemals endenden Abschnitt beendet hatte. Lachte ein letztes Mal über die unbeholfenen Dancemoves der Lehrer und schloss die Tür zu dieser Zeit. Für immer.


Ich weiß noch genau, als ich begleitet von Silbermonds „Keine Angst“ die Stufen zur Bühne hinaufstieg, die Hand einer damaligen Freundin fest umklammert, weil wir uns fürchteten, zu stolpern, war ich unfassbar stolz. Niemals habe ich damit gerechnet, das Abitur zu bestehen und weiß nun auch, Jahre später, dass das in meinem Fall nicht selbstverständlich, sondern sogar recht außergewöhnlich ist. Hätte ich das damals gewusst, hätte ich diesen Moment noch mehr ausgekostet. Ich habe mich unbesiegbar gefühlt. Die Welt lag mir zu Füßen und wartete nur darauf, von mir erobert zu werden. Ich konnte alles erreichen, was ich wollte. Noch heute nehme ich das Zeugnis ab und an in die Hand und erinnere ich mich an dieses Gefühl. An den leisen, zarten Nachklang, den es nur noch bewirkt, weil der Schmerz der nachfolgenden Jahre ihn überlagert.


Als ich 2015 meinen Uniabschluss machte, hätte es keinen stärkeren Kontrast geben können: Ich reichte meine Bachelorarbeit ein, an der ich lange und intensiv geschrieben hatte und eigentlich war es mir total gleichgültig, welche Note herauskam. Mir war der gesamte Abschluss total egal. Wozu auch eine gute Note haben, wenn ich damit so oder so nur unbezahlte Praktika bekommen würde? Irgendwann bekam ich die Nachricht, dass ich bestanden hatte und mein Zeugnis beantragen konnte. Ich ging also zum Prüfungsamt und mir wurde nicht einmal ein Glückwunsch ausgesprochen. Dem Zeugnis war ein Brief des Präsidenten der Uni beigelegt, in dem er sich entschuldigte, dass die Studienbedingungen leider alles andere als ideal sind. Es tat ihm leid, dass sie jährlich trotz NCs so viele Studierende aufnehmen müssen, dass man eben manchmal Pech hat und auf dem Boden sitzen muss. Ich hatte gerade mein Studium beendet, mit Semesterbeiträgen auch nicht wenig Geld darin investiert und durfte mir so eine jämmerliche „Rede“ durchlesen? Das waren in diesem Moment einfach nur armselige Worte. Der Brief wanderte sofort in den Müll, das Zeugnis in den Schrank. Ich habe die Papierversion seitdem nie wieder in die Hand genommen. Eine offizielle Abschlussfeier gab es nicht, die hatte ich laut Prüfungsamt verpasst. Es wurde mir nie mitgeteilt, dass es überhaupt eine geben würde und ich hörte in diesem Moment zum ersten Mal davon.


Manche werden sich jetzt fragen: „Ja, wieso studierst du Germanistik? Es ist doch klar, dass man damit keinen Job findet. Wundert dich das denn?“ (Fügt hier gern ein überhebliches Augenrollen hinzu)Warum und wieso ich dieses Fach studiert habe, ist für diesen Post nicht relevant. Allein, das ich das Gefühl habe, mich genau dafür rechtfertigen zu müssen, um Aussagen wie ein paar Sätze zuvor auszuhebeln, ist der Grund für diesen Post.


Nach dem Abi (oder auch schon währenddessen) musste man sich entscheiden, was man mit seinem Leben anfängt. Die einen wollten eine Ausbildung machen. Die anderen studieren. Diejenigen, die Psychologie, Medizin, Jura oder Pharmazie studieren wollten, wurden mit Tränen in den Augen und vielen „ooooohs“ und „aaaahs“ in dieses Studium begleitet. Der Stolz in den Augen ihres Umfelds war allumfassend.Ursprünglich wollte ich Kreatives Schreiben studieren, doch bevor ich den Satz überhaupt beenden konnte, wurde dieser Wunsch im Keim erstickt, weil sinnlos. Ich hatte nicht einmal mehr den Mut, mich überhaupt zu bewerben und zu gucken, ob die Textmappe überzeugen könnte. Also schwenkte ich auf Germanistik um.Als ich sagte, ich wolle dies Fach studieren, waren die Reaktionen folgendermaßen:“Erst das mit dem Schreiben und nun das, willst du eigentlich auch arbeiten?““Was willst du denn damit machen?““Du weißt aber, dass du damit niemals einen Job finden wirst?““Ach, das hat xy auch studiert und guck mal, wo die jetzt arbeitet. Kannst du auch sein lassen, damit findest du nichts.““Findest du nichts … Besseres? Du hast doch Abitur.““Aber dann auf Lehramt, oder? Anders bringt das ja nichts.““Na, dann mach schon mal den Führerschein, damit wirst du eh nur Taxi fahren.“


Ich war zu diesem Zeitpunkt 18/19 Jahre alt, gerade frisch aus der Pubertät raus, praktisch noch ein halber Teenager. Irgendwie noch Kind, irgendwie noch nicht richtig Erwachsene. Ein Alter, in dem man in den meisten Fällen noch kein vollständig entwickeltes Individuum ist in dem Sinne, dass man komplett losgelöst von gut gemeinten Ratschlägen des prägenden Umfelds einen Entschluss fasst. Demnach taten mir jede Reaktionen wie die oben genannten wahnsinnig weh. Ich bin mir sicher, dass die meisten dieser Sätze aus einem wohlwollenden und fürsorgenden Gedanken heraus entstanden. Aber auch das kann man weniger abfällig kommunizieren – und muss dies auch nicht permanent und zu jeder (unpassenden) Gelegenheit tun.


Ich habe und hatte meine Gründe, weshalb ich Germanistik studiert habe. Ich bin niemandem verpflichtet, diese zu erklären und mich für meine Studienwahl zu rechtfertigen.


Dennoch habe ich genau das getan.Fünf volle Jahre lang. Immer und immer wieder. Und eigentlich tue ich es auch heute noch, seit ich mittlerweile sechs Jahre aus der Uni raus bin.


Wenn ich von einem schlechten Unitag erzählte, hieß es „Du hast dich dafür entschieden, du wolltest es doch so unbedingt. Nun siehst du, was du davon hast.“Wenn ich von der erdrückenden Last erzählte, fünf Hausarbeiten in sechs Wochen schreiben zu müssen, hieß es „Selbst Schuld, du wolltest doch Germanistik studieren. Da muss man halt viel lesen und schreiben.“Und als es auf den Endspurt zuging und ich merkte, wie gering meine Berufschancen waren „Hab ich dir doch gesagt.“ Und als ich damit leider wirklich keinen Job fand „Nun ja. Du hattest nach dem Abitur alle Chancen. Aber du wolltest sie ja nicht nutzen.“


Die letzten beiden Sätze taten am meisten weh. Warum darf man als junger Mensch keine Fehlentscheidungen treffen? Wieso muss alles in unserer leistungsorientierten Gesellschaft immer etwas bringen? Wieso muss ich aus allem, was ich mache, immer einen großartigen Nutzen ziehen? Wieso kann ich nicht etwas machen, nur um es zu machen? Um mich selbst weiterzubilden? Mich mit jungen 19 Jahren erstmal selbst zu finden? Die einen gehen nach dem Abi ins Ausland (was soll das strenggenommen „bringen“, wenn man in Australien am Bondi Beach surfen lernt?), andere studieren Germanistik. Und nun? Warum ist das eine „besser“ und das andere „schlechter“? Weshalb wiegt man das überhaupt gegeneinander auf? Wieso urteilen Menschen, die nicht mein Leben leben, darüber, was für mich besser wäre?
Und genau das ist der Punkt.


Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass sich kein Student aus Psychologie, Jura, Medizin und Pharmazie solche Sprüche anhören muss. Nicht mal die Lehramtsstudierenden in meinem Fach mussten sich die teilweise schon respektlosen Äußerungen anhören. Weil sie allesamt etwas „Richtiges“ machten.


Genau solche Äußerungen (ich kenne mittlerweile gefühlt 500 Varianten von „Selbst Schuld, hab ich dir doch gesagt, das Studium ist total sinnlos“) haben dazu geführt, dass ich mir selbst weder den Wert dieses Studiums, noch meine harte Arbeit anerkenne. Und ja, es hat dazu geführt, dass ich mich für diesen Abschluss in Grund und Boden schäme, weil er sich wie Zeitverschwendung anfühlt und ich es doch besser hätte wissen müssen. Weil ich eben nichts „Richtiges“ gemacht habe, sondern nur wertvolle Lebenszeit verschwendet habe.


Ich weiß ganz genau, dass es nicht an meinem Umfeld liegt, sondern an der Haltung der Gesellschaft. Fragt man andere Geisteswissenschaftler, sagen die genau dasselbe. Es ist egal, ob ich Germanistik, Philosophie, Indologie oder Archäologie studiere. Uns unterstellt man, dass unsere Fächer „ja jeder studieren kann“. Die meisten haben nicht einmal einen NC, für den es sich lohnt, in der Schule Vollgas zu geben. Allein das ist ja schon total uncool, weil man nicht damit prahlen kann, es trotz hohem NC geschafft zu haben. Dass es leicht ist, nur weil man damit später nichts machen kann und die Note dann sowieso gleichgültig ist. Dass man dafür nicht viel tun muss, weil es ja nicht auf die Note und Berufschancen ankommt. Dass man es mit links schafft, weil nichts davon abhängt. Dass man sich keine Mühe geben muss, weil man ja nichts „Richtiges“ studiert. Als würde ein Abschluss, der nicht in einen konkreten Beruf führt, wie es zum Beispiel bei Medizin oder Pharmazie der Fall ist, einem in den Schoß fallen.


Ich musste in meinem Studium 180 Leistungspunkte erbringen. Genau wie beispielsweise ein Lehramtsstudent. Ich musste genauso für Klausuren lernen. Hausarbeiten schreiben. In die Uni gehen. Anwesend sein. Texte lesen. Protokolle anfertigen. Präsentationen halten. Lektüre vor- und nachbereiten und davon teilweise fünf Bücher mit mehr als 400 Seiten in der Woche. Ich musste mir selbstständig Gedanken zu diversen Themen der Literatur machen und diese in Form von mindestens 20 Seiten wissenschaftlich erklären, statt beispielsweise „stumpf“ Knochennamen auswendig zu lernen. Ich musste drei Fächer in einen selbst erstellten und von der Uni ausgelosten / zugeteilten Stundenplan pressen und das nebenher mit meinem Studentenjob koordinieren. Und ja, auch Germanisten haben eine Art Physikum oder eine Statistikklausur, bei der die Hälfte aller Studierenden durchfällt. Beinahe hätte ich gesagt „Ist aber NUR Mediävistik, wo man Mittelhochdeutsch lernt, bei dem kein Schwein weiß, wozu man das braucht.“ Aber genau das ist doch auch schon wieder falsch. Es ist eine Pflichtklausur, die man im Rahmen des Studiums antreten und bestehen soll. Punkt, aus, Ende. Ob das Mittelalterdeutsch ist, was man nicht braucht oder ein Physikum ist doch gleichgültig. Lernen muss man so oder so. Besteht man die Klausur nicht, ist das Studium vorbei – wo ist da der Unterschied? Die Klausur muss, nebenbei gesagt, auch von Lehramtsstudierenden bestanden werden, die dann Deutsch unterrichten. So unwichtig ist es unter dem Gesichtspunkt dann plötzlich wieder nicht, richtig?


Warum ist meine Leistung, die von der Handlung an sich, exakt deckungsgleich ist, viel weniger wert? Wieso wird meine Leistung, die deckungsgleich ist, herabgewürdigt?


Nur weil der Stempel Germanistik drauf klebt, aka sinnlose Geisteswissenschaft? Aka aussichtsloses Berufsleben?
Ich bin jetzt seit sechs Jahren aus der Uni raus und noch immer nehme ich dieses Studiengangsgebashe wahr. Diejenigen aus den „Premium“fächern fühlen sich vor allem Geisteswissenschaftlern oft überlegen. Diese sich wiederum oft unterlegen. Dabei sollten Studienfächer allesamt gleiches Ansehen haben, sofern ihr Abschluss gleichgestellt ist. Ob Psychologie, Germanistik oder Meteorologie.


Mir ist bewusst, dass es viel mit der inneren Einstellung zu hat. Damit, ob man sich den Schuh anzieht. Aber wenn man seit 11 Jahren immer und immer wieder die gleichen Fragen beantwortet und immer und immer wieder mit den gleichen Vorurteilen konfrontiert wird, ist man müde. Es strengt an. Und es ist unfair. Wieso wird ein Germanistikstudium allgemein immer zur Diskussion gestellt und in Frage gestellt, was ein Medizinstudent niemals erleben muss? Ich verstehe das nicht. Und es hinterlässt einen sehr bitteren Geschmack, weil er die Leistung, die ich erbracht habe, meinen guten Abschluss, total im Keim erstickt.


Ich bin heute aus diversen Gründen an dem Punkt, dass ich es zutiefst und zu einhundert Prozent bereue, dieses Fach studiert zu haben. Und ja, ich schäme mich auch für diesen Abschluss, weil mir so viele Leute einreden, ich hätte etwas Besseres aus meinem Leben machen können und damit meine Leistung, einen verdammten Uniabschluss zu haben, kleinreden. Es nichtig machen. Als hätte ich nichts geleistet. Als wäre mir alles zugefallen und ich hätte in der Zeit Däumchen gedreht. Wenn man sich anschaut, wie hoch die Abbruchrate von einem Germanistikstudium ist, kann und sollte ich eigentlich verdammt stolz auf mich sein, es sogar zu einem sehr akzeptablen Abschluss gebracht zu haben. Bin ich aber nicht. Ganz im Gegenteil. Weil viele der Stimmen von außen zu meiner eigenen wurden und ich oft Schwierigkeiten habe, sie zu trennen.


Das ist doch schade. Ich habe einen Uniabschluss und empfinde für mein Abitur, dem im direkten Vergleich „niederen“ Bildungsabschluss, weitaus mehr Stolz und Zuversicht, was vielleicht auch an einer Feier gelegen hat, die diesen Abschluss, das Ende eines Abschnitts, mehr gewürdigt hat.


Jeder kann und soll seine Meinung haben. Und als fürsorgendes Umfeld soll man auch kommunizieren, wenn man Bauchschmerzen bei der Entscheidung eines Nahestehenden hat. Aber man kann das anders tun. Fragt man mich, ob man Germanistik studieren soll, berichte ich von meinen Erfahrungen und lasse mein Gegenüber selbst einen Rückschluss ziehen, ob das tragbar ist, anstatt zu sagen „Mach es nicht, das waren die schlimmsten Jahre meines Lebens und mit dem Abschluss taugt es höchstens für einen Job in der Scheinselbstständigkeit, wenn du auf unbezahlte Praktika verzichtest.“ Jeder muss und soll selbst entscheiden, was für ihn, seine Persönlichkeit und sein Leben tragbar ist. Es steht niemandem von außen zu, diese Entscheidung für andere zu treffen. Und selbst wenn sich diese Entscheidung als Fehler erweist – mein Gott. Ist das nicht menschlich?


Ich würde mir wünschen, dass sich Einiges in der Wahrnehmung unserer Gesellschaft ändert:Ein Studienabschluss ist ein Studienabschluss. Ob in Germanistik, Medizin oder Freizeitwissenschaft. Jeder muss dafür lernen, arbeiten und steckt viel Fleiß, Zeit und teilweise sogar Geld rein. Kann man das bitte würdigen und wertschätzen? Ein Bachelorabschluss ist ein Bachelorabschluss. Nur weil ein Fach bessere oder klarere Berufschancen hat, bedeutet es nicht, dass dieser Abschluss mehr wert ist. Dieses Denken muss aufhören, weil es die Leistung und die Arbeit der Absolventen herabwürdigt.Es ist okay, Fürsorge zu zeigen und Bedenken zu äußern. Aber tut das doch bitte nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wie Familienfesten, Gesprächen über die Uni und vor allem nicht in Momenten, in denen die Person zweifelt und ihre Entscheidung des Studienfachs überdenkt und damit am verwundbarsten ist.Heutzutage ist es nicht mehr so, dass man nach der Schule eine Ausbildung oder ein Studium beendet und bis zur Rente in dem einen Beruf arbeitet. Man darf sich als junger Mensch finden und ausprobieren. Das ist wichtig für die eigene Entwicklung. Lieber ein „das hat mich nicht weitergebracht“ als ein „ich bereue es, es nicht getan zu haben“ – lasst es zu und redet nicht dagegen. Und noch viel wichtiger: Genießt das Unileben und macht euch nicht den Druck, euer „sinnloses Studienfach“ mit perfekten Noten zu kompensieren. Das hilft niemandem und führt nur dazu, dass ihr 24/7, drei Jahre (oder länger), auf ein Burnout zusteuert.


Ihr seid genug. Ganz einfach so, wie ihr seid. Und euer Studienabschluss ist es auch, wenn ihr es mit Freude tut.


No worries,

Sarah