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Ich möchte keine Kinder haben.

“Sarah sinniert” ist eine Art Kolumne, in der ich mich jeden Monat zu einem Thema äußere, meine Gedanken und Gefühle teile und mich kritisch mit Problemen auseinandersetze, die in unserer Gesellschaft auftauchen.Ich freue mich auf konstruktive Diskussionen mit euch und hoffe, dass ich dem einen oder anderen einen neuen Blickwinkel eröffnen kann.

Es ist egal, mit wem ich zusammen sitze. Ob es Freunde sind, Familie, andere mehr oder weniger nahestehende Verwandte oder nur flüchtige Bekannte. Sobald ich sage “Ich möchte keine Kinder haben”, wird dieser abnormal erscheinende Satz sofort zur öffentlichen Diskussion gestellt und es fallen Äußerungen wie:
“Wart mal ab. Das ändert sich noch.” “Irgendwann wirst du es bereuen, keine Kinder zu haben.” “Das kannst du doch noch gar nicht wissen, du bist so jung.” “Wenn du erst einmal den Richtigen findest, kommt das von ganz allein.”
An sich ist daran ja nichts auszusetzen. Und trotzdem ist alles daran verkehrt.
Denn was steht zwischen den Zeilen?

“Du wirst schon noch Kinder bekommen (wollen).”

„Du musst Kinder bekommen wollen.“

Nein. Will ich aber nicht. Und es ärgert mich, dass man mir nicht nur mein Bedürfnis nach einem kinderlosen Leben abspricht, sondern mir auch zwischen den Zeilen sagt, dass meine Einstellung zu dieser Thematik falsch ist.
Mittlerweile sprechen ja sehr viele Menschen, darunter auch Prominente, über die elendige Kinderfrage. Sehr toll fand ich, dass Chris Wackert, Moderator im SAT1-Frühstücksfernsehen als Mann dazu Position bezogen hat, da es ja noch ein primär mit Frauen diskutiertes Thema ist. Unabhängig davon, dass es ein sehr persönliches Thema ist, dass man vorrangig mit Partner/in besprechen sollte und es mich ärgert, dass es sich normalisiert hat, dies Thema öffentlich diskutieren zu dürfen, ist die Diskussion darum grundsätzlich sehr schwierig.


Hinter (k)einem (nicht erfüllten) Kinderwunsch können so viele Geschichten stehen. Fragt man jemanden danach, ob man Kinder haben will, fragt man auch direkt danach, ob man Geschlechtsverkehr hat. Ob man die finanziellen und räumlichen Mittel hat, um ein Kind großzuziehen. Ob man die innere Reife hat, sich einem Kind inklusive Erziehungsfragen zu stellen. Man fragt auch danach, ob man es biologisch überhaupt schafft, schwanger zu werden. Ein Kind auszutragen, zu gebären. Man fragt aber auch danach, ob man vielleicht schon viele tausend Euro bei einer Kinderwunschklinik gelassen hat. Man fragt nach Tränen, die man vergossen hat, weil man vielleicht auch ohne Partner/in ein Kind großziehen möchte / muss und der Entschluss alles andere als leicht war. Fehlgeburten. Abtreibungen. Etliche Termine bei Fachärzten.All das sind versteckte Themen, die vielen überhaupt nicht bewusst sind, wenn sie stumpf drauflos fragen.


Ärgern tut mich die allgemeine Annahme, dass ich ein Kind bekommen wollen muss, weil ich eine Gebärmutter in mir trage. Als würde es von mir erwartet, dass ich genau das tue, einfach, weil ich es kann. Als hätte ich mit 30 keine Ahnung, über so eine Thematik endgültig zu entscheiden.


Sabrina H. aus Frankfurt/Main, 33 Jahre

Ich habe schon als Kind keine Kinder gemocht. Ein Satz, den ich oft verwendet habe. Meist spaßhaft, weil man das nicht sagen darf. Dabei steckt sehr viel Wahrheit darin. Im Kindergarten, wenn alle Mutter-Vater-Kind gespielt haben, war ich die Katze, die alleine für sich in einer Ecke lag. Ich wollte nicht mit Puppen spielen und deren Mami sein. Mit fünfzehn sagte ich das erste Mal, dass ich keine Kinder möchte. Man belächelte mich und ich durfte die üblichen Sätze hören: „Das kommt noch. Du bist noch jung. Mit dem richtigen Mann willst du auch Kinder.“Mich hat das immer sehr geärgert. Warum darf ich als Frau nicht entscheiden, keine Kinder zu wollen? Mit achtzehn beim Frauenarzt fragte ich nach einer Sterilisation. Diese wurde mir aufgrund meines Alters verwehrt. Ich solle mit 25 noch mal nachfragen. Das tat ich. Gleiche Antwort. Selbst von meinen Ärzten musste ich mir anhören, dass sich meine Einstellung mit dem richtigen Mann schon noch ändern würde. Nicht nur fand ich das sehr anmaßend, denn dass würde heißen, ich wäre gerade mit dem falschen Mann liiert, es sprach mir auch meine Lebensentscheidung ab. Steuern darf ich bezahlen, ich darf mich tätowieren und piercen lassen, wie es mir gefällt. Mit dem richtigen Psychologen darf ich sogar nach einiger Zeit eine Geschlechtsumwandlung durchführen lassen. Aber wenn ich als Frau entscheide, dass ich keine Kinder will, dann darf ich diese Entscheidung nicht treffen. Mit 30 reichte es mir und ich setzte meiner Frauenärztin die Pistole auf die Brust und verlangte nach Adressen von Ärzten, die den Eingriff durchführten, sonst würde ich notfalls klagen. Widerwillig stimmte sie zu. Der Arzt, der den Eingriff durchführte, war mein Held. Er sagte direkt beim ersten Gespräch, dass ich alt genug sei und eine gestandene Frau, die Entscheidung läge also ganz bei mir. Und wenn ich wollte, könnte ich mich nach dem Eingriff ja immer noch künstlich befruchten lassen. Siehe da, es geht ja doch. Die 1200€ waren gut investiertes Geld und ich könnte nicht glücklicher sein. Aber mir erschließt es sich nicht, wieso uns Frauen diese Entscheidung so schwer gemacht wird. Nicht nur von der Gesellschaft, sondern vor allem auch durch die Ärzte. Bei einer ungewollten Schwangerschaft kann ich nicht mal zu meiner Ärztin gehen. Es gibt nur noch wenige Ärzte, die überhaupt einen Abbruch durchführen. Das steht einfach in keinem Verhältnis.

Ähnlich, wie Sabrina es beschreibt, wurde bei mir immer sofort darauf gegiert, dass sich meine Einstellung ändern wird. Ich bin eine Frau. Ich habe eine Gebärmutter. Ich MUSS doch Kinder bekommen WOLLEN. Etwas anderes geht nicht.
Was bin ich nur für ein schlechter Mensch, weil ich eine Schwangerschaft und das Muttersein ablehne. Was bin ich für eine Egoistin, weil ich meinen Körper nicht als Gebärmaschine benutze – dazu ist er doch da. Als wäre es ein Verrat an meinem weiblichen Körper, weil ich ihn nicht als diesen nutze.


Ich habe lange Zeit gedacht, dass ich Kinder wollen würde. Einfach, weil man die Norm der Gesellschaft und der Mitmenschen übernimmt. Weil man sich erst mit zunehmender Autonomie darüber Gedanken macht und eigene Entschlüsse fasst, die nicht vom Umfeld geprägt sind. Ich muss ehrlich gestehen, dass sich dieser Kinderwunsch nie richtig angefühlt hat. Innerlich hat es mich immer gestresst, weil ich es nie vor mir gesehen habe. Wie ich ein Kind im Arm halte, ihm laufen beibringe. Mit Hausaufgaben helfe oder über Probleme rede. Unterschwellig hat mich das schon immer genervt, weil ich darauf genauso wenig Lust habe, wie auf die Steuererklärung. Ich sehe mich nicht in der Mutterrolle. Habe ich nie. Ich habe mich in dieses Konstrukt gepresst und gar nicht gemerkt, wie schädlich das eigentlich für mich war. Weil ich da schon unbewusst gespürt habe, dass ich diesen Erwartungen nicht entsprechen kann. Schlichtweg, weil ich es nicht möchte.


Ich finde Schwangerschaften gruselig und absolut nicht magisch. Allein der Gedanke, dass ich meinen Körper über lange Zeit hinweg mit jemand anderem teilen muss, bereitet mir Übelkeit. Von den Veränderungen, die danach im Körper passieren, will ich gar nicht erst reden. Stichwort Gewicht, Haarausfall. Ich finde Geburten fürchterlich und wünschte, mir würde YouTube solche überhaupt nicht mehr auf der Startseite anzeigen. Ich finde Babys unangenehm. Schon Puppen mochte ich nicht und wenn ich mir nur vorstelle, ich müsste mich um so ein unselbstständiges Wesen kümmern, kriege ich leichte Panik. Ich finde sie nicht süß, sondern störend. Und Kinder finde ich anstrengend. Erziehungsfragen will ich mich nicht stellen, sondern diese Zeit und Energie in andere, für mich wertvollere Dinge, investieren. Ich habe nicht die besten Gene und möchte diese nicht an ein Kind weitertragen, was unter den Konsequenzen genauso leiden wird wie ich es tue. Das ist verantwortungslos. Ich möchte in den ersten Jahren nicht ausschließlich Mutter sein, sondern ich selbst. Ich bin absolut und überhaupt nicht bereit, Abstriche in meinem Leben, Lebensentwurf, Freizeit und Freiheiten, die ich für mein Leben haben will, zu machen wegen eines Kindes. Ich möchte Entscheidungen in meinem Leben nicht davon abhängig machen, ob sie für ein Kind tragbar sind, sondern nur für mich. Wenn ich Bock habe, für ein Jahr nach Australien zu gehen, dann mache ich das, fertig.


Sabrina H. aus Frankfurt/Main, 33 Jahre

Meine Familie wusste früh, dass sie nicht mit Enkelkindern zu rechnen brauchten. Ich war auch meinen Partnern immer ehrlich gegenüber. Tatsächlich habe ich das sogar immer direkt beim ersten Date gesagt und abgelehnt, alleinerziehende Väter zu daten. Da war ich konsequent. Nicht mal Stiefkinder wollte ich in meinem Leben haben, da es einfach nicht passt für mich. Kinder haben an erster Stelle zu stehen und die volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Das finde ich enorm wichtig. Aber ich bin egoistisch und möchte mich nicht unterordnen. Ich möchte mit einem Partner auf Augenhöhe stehen, nur er und ich. Meine letzten zwei Beziehungen sind unter anderem daran gescheitert, weil das Thema Kinder immer wieder aufkam. Was mich wahnsinnig frustriert hat, weil ich es so klar und deutlich kommuniziert habe. Aber sie wollten das nicht akzeptieren, wo sie am Anfang jedoch zugestimmt haben und Kinder kein Thema waren. Das war sehr frustrierend und meiner Person gegenüber unfair. Dann lernte ich meinen Mann kennen, der auch keine Kinder wollte und die gleichen Lebensvorstellungen hat wie ich. Das war der richtige Mann. Nicht wie alle immer gesagt hatten, dass es jemand sein würde, der mich umstimmen würde. Nein, er ist der richtige, weil er meine Entscheidung respektiert, unterstützt und teilt. Deswegen passen wir zusammen. Durch meine Einstellung gegenüber Kindern und meinen Kampf für die Sterilisation habe ich Freundinnen verloren. Sie wollten Kinder, konnten keine bekommen und haben mir ein schlechtes Gewissen gemacht, dass ich einen Eingriff vornehmen ließ, der das Kinderkriegen verhinderte. Das ihr Wunsch ein Kind zu bekommen ebenso groß war, wie mein Wunsch keine zu bekommen, zählte nicht. Ich war das Miststück. Das ist okay. Solche Menschen möchte ich dann auch einfach nicht mehr in meinem Leben haben. Denn unsere Leben wären auch nicht länger kompatibel. Ich für meinen Teil bin nur sehr glücklich. Ich wünschte nur, dass es uns Frauen nicht so verdammt schwer gemacht werden würde. Von der Gesellschaft. Von den Ärzten.


Seit ich für mich entschieden habe, dass ich es nicht wollen muss, bin ich viel gelassener geworden und sehr viel zufriedener. Weil der Druck von mir abgefallen ist, mich in eine Form pressen zu müssen, in die ich nicht gehöre.
Es war erleichternd.


Ich würde niemals eine Beziehung mit jemandem eingehen, der unbedingt Vater werden möchte. Gleichzeitig würde ich meinen nicht vorhandenen Kinderwunsch klar kommunizieren, damit es für alle fair bleibt, ähnlich, wie Sabrina es geschildert hat. Und sollte man auf keine Art zu einer zufriedenstellenden Lösung für beide Parteien kommen, wäre das für mich ganz klar ein Trennungsgrund. Man kann natürlich sagen, dass ich egoistisch bin, weil in meinem Lebensentwurf kein Platz für Kinder herrscht. Aber ICH lebe MEIN Leben. Niemand muss sich in meinem Leben wohlfühlen. Nur ich. Und das hat absolut nichts mit Egoismus zu tun, denn das ist nun mal so. Denn ich stehe täglich auf, erledige das, was ich tun muss, um mein Leben führen zu können und ich, ich ganz allein trage die Verantwortung für mich selbst und meine Emotionen. Wenn die ausschließlich aus Kummer, Stress und falschem Verantwortungsbewusstsein bestehen, dann fühle ich mich in meinem Leben nicht mehr wohl. Und was ist dann der Sinn des Ganzen?


Das ist meine Entscheidung, die niemand verstehen oder absegnen muss. Aber dann sollte die Gesellschaft aufhören und uns nicht nur als Gebärmaschinen ansehen oder die Entscheidung als egoistisch beurteilen.


Mein Gott, ich bin 30. Die Lebenserwartung liegt nicht mehr bei 35 Jahren. Ich möchte erst einmal mich selbst kennenlernen, finden. Ausloten, wohin mein Leben gehen soll. Mag sein, dass ich dafür mehr Zeit brauche als andere. Aber das ist okay. Denn ich bin diejenige, die über ihr Leben entscheidet und nicht meine Gebärmutter oder die biologische Uhr.


Ich würde mir so sehr wünschen, dass bei einem erneuten Themenaustausch die Antwort meines Gesprächspartners anders aussieht.


“Ich möchte keine Kinder haben.” “Das ist okay. Nicht jeder muss das. Genieß dein Leben. Hauptsache du bist glücklich.”


Und das tue ich. Weil es für mich die richtige Entscheidung ist und ich muss mit mir leben. Niemand sonst.

Vielen lieben Dank an dieser Stelle an Sabrina, dass sie mir (und uns) ihre Geschichte anvertraut hat!

Weiterführende Links:
Gewollte Kinderlosigkeit
Chris Wackert über die Kinderfrage
Frauen berichten, warum sie keine Kinder kriegen möchten
YouTube: Sterilisation mit 23 (Follow me reports)
YouTube: Frauen ohne Kinderwunsch: Ausgegrenzt und gemobbt
YouTube: Melina Coniglio spricht über ihre Sterilisation


No worries,

Sarah