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Mein Albtraum wurde wahr – die Horrorfarm in Australien

G’day Mates!
Heute möchte ich euch von einer nicht so tollen Erfahrung während meines Australienjahrs erzählen. Einige, die mir schon länger auf Instagram folgen, kennen diese Geschichte schon, jedoch ist es mir wichtig, sie auch hier noch einmal zugänglich zu machen.

Vor fast genau zwei Jahren saß ich in Brisbane und war, was die Jobsuche anging, recht verzweifelt. Fast ein halbes Jahr hatte ich vergebens nach einem passenden Job gesucht und war nicht nur entmutigt, sondern es auch langsam leid, ständig zu suchen. Ich wollte unbedingt Farmarbeit machen und da ich eigentlich nicht so schnell wieder zurück nach Deutschland wollte, hatte ich vor, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Ich wollte Farmarbeit machen, um mir mein zweites Visum zu verdienen. Mit diesem Visum wäre es mir möglich gewesen, für ein zweites Work and Travel-Jahr zurück nach Australien zu kommen (und nicht nur für drei Monate mit dem Touristenvisum).


Also schrieb ich mehrere hundert Bewerbungen. Australien ist ein von Backpackern vollkommen überlaufenes Land, weshalb es schwierig ist, überhaupt einen Job zu finden, weil man bei denen, die gut und legal bezahlen, mit etlichen Mitbewerbern konkurriert. Hierzu wird noch einmal ein einzelner Post folgen.


Ich hatte mich in mehreren Backpacker-Gruppen auf Facebook angemeldet und fand eine Anzeige einer Frau, die nach einer Stallhilfe für einen Pferderennstall in der Nähe von Adelaide suchte. Das war nun nicht so meine favorisierte Region, da es dort im Winter schon gern mal ein wenig frisch werden kann und ich auch nicht der größte Fan von Pferden bin (und es nach der Farm niemals werde). Ich rief trotzdem an, um mir das Angebot anzuhören, ablehnen kann man ja immer. Das Angebot für das 2nd year-Visum lockte mich ebenfalls. Außerdem hoffte ich so, auf einen grünen Zweig mit Pferden zu kommen und den Respekt (und die leichte Angst) vor ihnen zu verlieren.


Ich war ein wenig überrascht, als ein Mann abnahm und ging davon aus, dass er derjenige ist, der sich um die Tiere und die Farm kümmert und die Frau, die die Anzeige geschaltet hatte, vermutlich seine Frau oder Tochter sei, die sich um das Administrative kümmert – so ist das in Australien auf den Farmen sehr oft und ich dachte mir erst einmal nichts weiter dabei.Ich äußerte mein Interesse, sagte aber zweimal, dass ich keine allzu große Erfahrung mit Pferden habe, aber gewillt bin, mich einzuarbeiten. Das war für ihn kein Problem. Auch nicht, (was ich ebenfalls mehrfach sagte), dass ich keinen Führerschein habe und auch nicht weiß, wie man fährt. Für mich erschließt sich das eine aus dem anderen, aber nachdem ein Job an diesem Missverständnis scheiterte, lernte ich dazu und erwähnte beide Fakten. War auch kein Problem.


Er wollte mich in den kommenden Tagen zurückrufen, um mir seine Entscheidung mitzuteilen und so wartete ich auf eine Rückmeldung.


Einen Tag später sagte er mir zu und wir klärten die wichtigsten Fragen – wann sollte ich ankommen, wie lange sollte ich bleiben, Bezahlung, gibt es Internet. Das gab es nicht und so erkundigte ich mich extra beim Anbieter Optus, ob ich mit deren Simkarte dort Empfang hätte und sie checkten die Region der Adresse – kein Problem, soll alles funktionieren. Ich kaufte eine Simkarte mit 60GB Datenvolumen. Zuvor lud ich einige Serien herunter und kaufte noch ein paar Ebooks, um mir die langen freien Tage zu versüßen, da ich vermutlich drei Monate nicht von der Farm herunterkommen würde. Das machte mir ein wenig Bauchweh. Aber hey. Mein zweites Visum war es mir wert – und das Geld auch, denn bisher lebte ich vollkommen von meinem Ersparten.


Dennoch konnte ich mein Glück nicht fassen. Nach der monatelangen, schwierigen Suche hatte ich endlich einen Job! Und nicht nur das, ich durfte auf einer Farm arbeiten, die Bezahlung war für mich vollkommen in Ordnung und ich bekam mein zweites Visum! Ich war total glücklich und euphorisch.


Bevor ich nach Adelaide flog, verbrachte ich einige Tage in Canberra und reiste von dort aus zur Farm. Ich kontaktierte den Farmer erneut und gab ihm die Bushaltestelle und Uhrzeit durch, weil er mich abholen wollte.


Ich fuhr dann mit dem Bus von Adelaide nach Strathalbyn und weiß noch, dass ich an der Station vor der Endstation einen Mann mit Farmauto sah, der sich umsah und ich mich fragte, ob das mein Host sei. Dabei hatte ich ihm die andere Station genannt. Ich kontrollierte die Nachrichten, die ich ihm geschrieben hatte und ja. Ich hatte nicht diese Station durchgegeben.Als ich dort ankam, fragte er sogleich, wieso ich nicht ausgestiegen sei. Ich wies ihn verunsichert darauf hin, dass ich ihm doch den Namen der Station genannt hatte, an der ich nun war. Er konnte meinen Koffer nicht auf den Anhänger wuchten, weil er Rückenprobleme hatte und so mühte ich mich unbeholfen ab, während er zusah und ungeduldig wurde.


Die Fahrt verlief größtenteils schweigend, was ich nach den zwei WWOOFing-Farmen zuvor etwas merkwürdig fand, da man mit den Hosts immer irgendwie plaudert, um sich kennenzulernen. Aber vielleicht war das bei einem bezahlten Job anders, weil man in dem Sinne kein Gast ist, sondern Mitarbeiter? Hier hegte ich zum ersten Mal Zweifel, was die ganze Sache anging.


Wir kamen an der Farm an und er zeigte mir mein Zimmer. Ein Bett, ein Tisch, Ausblick auf den Pool für Pferde. Keine Dekoration, karge Einrichtung, alles sehr ungemütlich bis funktional. Es war nicht einladend, aber das erwartete ich auch nicht. Wer von euch McLeod’s Daughters kennt, weiß, wie die Zimmer von Jodi und Kate aussehen. Im Haus wohnte eine Katze, von der er mir nichts gesagt hatte. Ich bin höchst allergisch auf Katzen und wie jede Katze sprang sie sofort auf meinen Schoß. Das gesamte Haus stank nach Zigaretten. Auch das wusste ich nicht – darauf reagiere ich ebenfalls empfindlich. Das Bad roch nach Abwasser, aber gut. Daran konnte ich mich gewöhnen, ich hatte nach Plumpsklo und einigen Monaten Hostels Schlimmeres erlebt.Das Bett hatte keine Bettdecke und ich traute mich nicht zu fragen, weil mein Chef / Host sehr abweisend wirkte und auch das gesamte Haus sah so aus, als würde hier keine Frau wohnen. Irgendwann fasste ich mir ein Herz und fragte, wo diejenige sei, die die Anzeige geschaltet hatte.
„Die arbeitet hier nicht mehr.“
„Also bin ich allein mit … dir?“
„Ja.“

Dieses Bild stammt NICHT von der Horrorfarm!

Gut. Es war meine eigene Schuld, dass ich das nicht noch einmal klargestellt hatte, bevor ich hierherkam. Aber ich bin nicht davon ausgegangen, dass eine externe Kraft diesen Job annonciert und dann gar nicht da ist.


Mulmig zumute wurde mir, als ich feststellte, dass ich das Zimmer nicht abschließen konnte.

Hier hegte ich erneut Zweifel, ob ich wirklich drei Monate, wie es eigentlich vereinbart war, bleiben sollte.


Den Nachmittag verbrachte ich mit einer französischen Mitarbeiterin, die mich in meine Aufgaben einwies. Ich löste quasi ihre Stelle ab. Sie sprach nur sehr schlechtes Englisch und kannte die meisten Begriffe nicht, weshalb ich kaum etwas von den Anweisungen verstanden hatte – der Farmer qualmte auf der Terrasse Zigaretten und schaute sich Videos auf dem Handy an. Dazu kamen die Pferde, die so groß wie Giraffen waren. Die Französin war schnell genervt, weil sie merkte, dass ich keine Ahnung von den Tieren hatte und machte am Ende Vieles selbst, statt es mir zu erklären. Sie vermittelte mir auch das Gefühl, dass ich aufgrund meines fehlenden Wissens hier total falsch war. Als ich zwei Rennpferde rechts und links über den Hof führte, rastete der Hund aus und rannte zwischen den Hufen herum, sodass die Tiere scheuten und ich total nervös wurde. Das bekam der Farmer mit und brüllte mich an, dass ich mich nicht verunsichern lassen solle, es sei doch nur der Hund. Ich konnte mir nicht merken, welche Koppeln ich mit welchem Futter in welcher Menge füttern sollte und war ängstlich, als die Französin meinte, ich mache das nächstes Wochenende allein. Hatte ich nicht gesagt, dass ich keine Erfahrung mit Pferden hatte? Hatte ich nicht gesagt, dass ich kein Auto fahren kann und die Koppeln damit für mich unerreichbar sind? Allein bei dem Gedanken, mit dem Farmer allein im Auto sitzen und zu arbeiten, während er am Steuer sitzt … uff.

Auch hier kamen mir Zweifel auf.


Abends kam dann leider der größte Schock: Ich legte die Simkarte ein und hatte weder Empfang, noch Netz. Nirgendwo im Haus. Ich probierte es an mehreren Stellen aus, sogar draußen auf dem Vorhof – nichts. Ich hatte nicht mal genug Empfang, um Optus zu kontaktieren und nach Hilfe zu fragen. Der nächste Shop war für mich unerreichbar, da ich mitten im Nirgendwo war – eine Stunde Busfahrt von Adelaide entfernt.


Mich überforderte die Situation vollständig. Ich hatte keinen Empfang. Ich lebte allein mit einem Mann, der mir maximal unsympathisch war. Und ich konnte mein Zimmer nicht abschließen. Sofort musste ich anfangen zu weinen und wollte eigentlich nur weg.


Die Französin merkte, dass es mir nicht gut ging und wir schauten uns abends zusammen einen Film über ihr Handy an. Ich schlief nur schwer ein und stand dann am nächsten Tag auf.


Der Farmer war nicht im Haus und ich hatte Mühe, Essen zu finden. Nirgendwo war Brot, Aufschnitt oder sonst was zu finden. Ich traute mich nicht, zu fragen und fand altes Toastbrot, von dem ich mir einige Scheiben toastete und mit Butter aß. Als der Farmer das sah, schaute er nur auf die Uhr. „In zehn Minuten ist Arbeitsbeginn, halt dich ran.“ Er fuhr die Französin zur Bushaltestelle und ich ließ das „Frühstück“ sein, weil ich ohnehin keinen Hunger hatte. Mir war die ganze Zeit nur schlecht.


Einige externe Stallhilfen kamen an, hauptsächlich junge Frauen, die sich mit Pferden sehr gut auskannten. Ich hielt mich ein wenig an ihre Anweisungen und half ihnen, wo ich konnte, da ich weder wusste, wo die Materialien lagen, noch, was ich eigentlich tun sollte. Direkt beim Ausmisten der ersten Box riss mir der Draht der Schaufel die Hose auf und ich war total verzweifelt. Wo sollte ich denn jetzt eine neue herbekommen?Wir fütterten die Fohlen, die wie Irre auf uns zugeprescht kamen, wodurch ich aus Panik in den Elektrozaun rannte und mir kurz schwarz vor Augen wurde.Als ich die Einmeter-Futtersäcke trug, wurde ich von dem Farmer angeschrien, ich solle doch in jeder Hand zwei nehmen, statt sie einzeln zu tragen. Als ich vor den Boxen fegte, nahm ich den falschen Besen und er schrie mich an, dass ich mir doch mal überlegen solle, wofür er mich bezahlt. („Don’t just stand there, fucking doing nothing!“)Bisher hatte ich weder einen Arbeitsvertrag, noch sonst etwas in der Hinsicht gesehen.


Ich fuhr mit der einen Stallhilfe im Auto auf die externen Koppeln und fragte sie, ob das normal sei, dass er so ist. Da erzählte sie mir, dass er ein Kotzbrocken sei und sie eigentlich nur des Geldes wegen hier arbeitete, weil sie dringend darauf angewiesen ist. Ich sagte ihr, dass ich mich sehr unwohl fühlte und sie konnte das vollkommen verstehen. Auch äußerte ich Zweifel darüber, ob ich hier weiterhin bleiben wollte, weil ich mich nicht nur unwohl fühlte, sondern auch Angst bekam.Wenn er mich vor allen anderen so anschrie … wie ging er mit mir um, wenn wir abends allein waren und keiner mehr auf dem Hof war? Von ihm ging so eine wahnsinnige Aggressivität aus, ich konnte nicht einschätzen, ob er handgreiflich werden würde. Wieso auch nicht. Es hätte keiner mitbekommen. Und das machte mir wahnsinnige Sorgen – und riesige Angst.Sie riet mir dazu, ihm zu sagen, dass es nicht funktioniert. Ich wollte das abends machen, damit ich morgens direkt wegkam, doch sie bestand darauf, dass ich es tun sollte, wenn die anderen da sind.Zuerst verstand ich das nicht, aber ehrlich gesagt hat mir diese Äußerung den Hintern gerettet.


Die Mittagspause war wahnsinnig unangenehm. Die eine Stallhilfe fragte mich aus, ob denn die Französin in der letzten Nacht in ihrem Zimmer geschlafen hätte, oder bei unserem Chef, da ich ja das Zimmer der Französin belegt hatte.Allein, dass sie so eine Vermutung hegte und diese offen kommunizierte, reichte mir, zumal von den beiden eine merkwürdige Vertrautheit ausging, die nicht ganz zu dem ruppigen Wesen des Mannes passte. Unwillkürlich hatte ich mich schon am Abend zuvor gefragt, ob zwischen den beiden was laufen könnte.Zusätzlich zu dem Gefühl, dem fehlenden Empfang und dem Rest, fällte ich eine Entscheidung.


Als mein Chef weg war, bat ich die Stallhilfe, mir ihr Handy zu leihen, um zu organisieren, dass ich hier wegkam. Ich rief die zweite Farm an, auf der ich gewesen war, weil sie praktisch um die Ecke lag und wollte sie bitten, mich einzusammeln. Wir hatten und haben auch heute noch trotz der Ausbeute in Bezug auf die Arbeitszeit Kontakt und verstehen uns.Leider nahm niemand ab. Auch über die Notfallnummer meiner Organisation erreichte ich keinen – richtig klasse. Denn auch das war einer der Gründe, wieso ich mich für die Ausreise mit einer Organisation entschieden hatte.

Dieses Bild stammt NICHT von der Horrorfarm!

Trotzdem fasste ich mir ein Herz und teilte dem Farmer mit, dass ich mit ihm reden müsste.Er saß im Auto und parkte es vor dem Misthaufen ein. „Ja, was willst du?““Ich habe gemerkt, dass das hier für mich nicht funktioniert.“Er fixierte meinen Blick, stieg aus und schlug die Tür des Autos so stark zu, dass es wackelte. „Oh, you are such a tryer!“ Und dann ging es los. Er schrie mich so laut an, dass die Pferde in den Boxen hinter ihm unruhig wurden. Dass ich ihn angelogen hätte und ja überhaupt keine Ahnung von Pferden hätte. Dass ich es nicht mal richtig versucht hätte. Dass er tausend andere qualifiziertere Leute für diesen Job gehabt hätte. Dass ich reine Zeitverschwendung war. Dann drehte er sich zu mir um, sodass ich halb in ihn reinlief.

„Du hast fünf Minuten Zeit, deine Sachen zu packen. Alles, was du nicht einpackst, gehört mir. Und dann verpiss dich.“

Ich stürmte ins Zimmer, hatte wahnsinnige Angst, dass er mir folgen würde, um mich zu schlagen und verstand langsam, wieso die Stallhilfe mir eingeredet hatte, dass ich ihm das sagen sollte, solang jemand hier war. Ich warf alles, was ich hatte, in den Koffer, vergaß dabei beinahe meinen Pass, der noch wegen der Simkarten-Aktion auf dem Nachttisch lag und stopfte sämtliche Taschen voll, mit den Dingen, die ich nicht in den Koffer bekam. Mir liefen dabei schon die Tränen über das Gesicht und ich hatte wahnsinnige Angst.


Als ich aus dem Haus kam, qualmte er auf der Terrasse und beschimpfte mich weiter. Ich hatte keine Ahnung wohin und verfluchte mich in diesem Moment, keinen Führerschein zu haben. Eine der Stallhilfen sagte mir, sie würde mich in die Nähe von Adelaide fahren, sie müsse nur ihre Schicht beenden. Sie gab mir ihren Schlüssel und ich konnte mich in der Zeit ins Auto setzen.Ich hatte Angst, dass mir der Farmer nachstellen würde und verschloss die Türen. Danach versuchte ich über mein Handy nochmal die Farm anrufen, doch ich hatte keinen Empfang. Danach überlegte ich, die Polizei anrufen, nur für den Fall. Aber auch dafür hatte ich keinen Empfang.


Das war ungelogen die längste halbe Stunde in meinem Leben.


Irgendwann kam die Stallhilfe und wir fuhren los. Ich war so erleichtert und sie tröstete mich sehr einfühlsam.“Er ist ein Arsch. Du bist jetzt die fünfte für den Job innerhalb von zwei Wochen. Du hast es immerhin anderthalb Tage und eine Nacht hier ausgehalten.“Die Schwedin vor mir sei mitten in der Nacht mit ihrem Koffer zu Fuß Richtung Adelaide gelaufen, weil es ihr gereicht hatte.


Ich erzählte ihr von meiner Annahme, dass seine Frau die Anzeige geschaltet hatte und erfuhr, dass das eine Frau war, mit der er ein Verhältnis gehabt hatte und sie ihm wohl noch was schuldig war. Sie lebt schon lange nicht mehr in der Region. Und sie bestätigte mich in dem Gefühl, dass er handgreiflich werden könnte.Als sie mich in Mount Barker, kurz vor Adelaide absetzte, gab sie mir ihre Handynummer, falls ich etwas vergessen hatte, dann würde sie es mir nachschicken. Das war zum Glück nicht der Fall und ich bedankte mich bei ihr.


Bis heute weiß ich nicht, was ich ohne ihre Hilfe gemacht hätte.


Während der Busfahrt rief ich meine Organisation an und schilderte ihnen die Situation. Ihre Reaktion war, dass ich selbst Schuld sei, da ich über Facebook eine Jobanzeige angenommen hätte (es handelte sich um zertifizierte Backpackergruppen!) „Du bist vermutlich dann auch einfach nicht für die Farmarbeit gemacht. Der Ton ist halt ein wenig rauer, damit muss man umgehen können. Wäre Au Pair nicht etwas für dich?“


Ich hatte wahnsinnige Ängste ausgestanden. Und ja, vielleicht hätte ich niemals zu dieser Farm fahren sollen. Aber genau so läuft die Jobsuche in Australien. Man entdeckt ein Inserat, führt ein Telefon- oder Videogespräch und fliegt oder fährt zur Farm und muss damit klarkommen, was man vorfindet. Nicht anders funktioniert WWOOFing. Da ist nichts mit Herumführen und Betrieb und Kollegen vorstellen, wie man es aus Büros oder Städten kennt. Da setzt man sich, wenn einem das Büro oder die Menschen nicht passen, in den Bus oder die Bahn und fährt ins sichere Zuhause. Thema beendet. Das kann man nicht vergleichen.


Und nach meinem Blogpost zu Beginn des Jahres, in dem ich von meiner WWOOFing-Erfahrung und der mangelnden Sicherheit berichtete, steht diese Variante der Farmarbeit für mich nicht als eine bessere Option da.


Wieso spricht man hier überhaupt von Schuld?Ich habe eine falsche und leider auch sehr gefährliche Entscheidung getroffen. Das passiert leider. Aber wie kann eine Organisation, die ich mit viel Geld bezahlt habe, mir sagen, ich sei zu sensibel, wenn ein aggressiver Choleriker mein Chef war? Wieso prüft die Regierung die Betriebe, bei denen man sein 2nd year erwerben kann, nicht?

Wieso vermittelt mir meine Organisation keine sicheren Farmen, um Arbeit zu finden, anstatt mir Vorwürfe zu machen?


Ich kam in Adelaide an, checkte ins Tequila Sunrise Hostel ein und man gab mir dort erstmal etwas zu essen, weil ich außer zwei Toastscheiben nichts im Magen hatte. Ich muss einen echt kläglichen Eindruck gemacht haben (ich kam mit Schlamm, Heu und Tränen bedeckt zurück). Danach checkte ich ins Zimmer ein und die Anwesenden motivierten mich dazu, zur Polizei zu gehen und den Farmer anzuzeigen, weil sie der Meinung waren, dass der Typ seine Position missbraucht hätte, um mich unter Druck zu setzen.


Und sie hatten damit verdammt nochmal Recht.Hätte mir das eigentlich nicht die Organisation raten sollen, die ich bezahlt habe?

Dieses Bild stammt NICHT von der Horrorfarm!

Ich duschte erstmal und ging zur Polizei, die leider nichts tun konnte. „Es ist ja nichts passiert. Nur, weil jemand ein Arschloch ist, verstößt er ja nicht gegen das Gesetz.“Das machte mich wahnsinnig wütend. Es gibt genug Geschichten von, leider hauptsächlich weiblichen Backpackerinnen, die vergewaltigt werden und danach tot im Gebüsch liegen. Und ich bin mir sicher, dass ihre Geschichten ähnlich begannen wie meine.


Ja, es ist Spekulation. Aber angenommen, ich wäre geblieben, nachdem er mich den gesamten Tag angeschrien und für unfähig gehalten hat. Mit dem aggressiven Potenzial, das er sehr deutlich gezeigt hat.


Glaubt ihr, das wäre gut gegangen? Ich nicht.


Was habe ich daraus gelernt?


Ich würde nie wieder über die Organisation buchen und werde auch irgendwann ausführlich erklären, wieso, damit keiner den gleichen Fehler macht wie ich (und damit eine Menge Geld spart).

Ich weiß, dass ich auf niemand Offiziellen zählen kann, wenn ich in einer gefährlichen Situation bin. Weder auf die Polizei, noch auf die Organisation, noch auf meinen Handyanbieter.

Die Mitarbeiterin ist meine Heldin und das Tequila und meine Tequila-Family ist das Beste, was mir danach hätte passieren können.


Leider ist es bei solchen Jobs wahnsinnig schwer, sich wirklich rundum absichern zu können. Mein Bericht soll keine Angst machen. Aber er soll zeigen, dass man in einer Situation wie dieser komplett auf sich allein gestellt ist. Und wenn man mal überlegt, dass die meisten Backpacker 18/19 sind, ist das gerade dann einfach nur wahnsinnig unverantwortlich. Es muss sich eine Menge ändern, damit man (gerade als Frau) wirklich sicher und mit einem guten Gefühl auf abgelegenen Farmen arbeiten kann.


No worries,

Sarah

Weiterführende Links:
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Backpackerin in Schweinestall gesperrt und missbraucht
„There are no human rights here“
Mord an Backpackerin
Get the fuck out“ – Backpackers share Australian horror stories