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Diese ätzenden unsichtbaren Altersgrenzen

“Sarah sinniert” ist eine Art Kolumne, in der ich mich jeden Monat zu einem Thema äußere, meine Gedanken und Gefühle teile und mich kritisch mit Problemen auseinandersetze, die in unserer Gesellschaft auftauchen.Ich freue mich auf konstruktive Diskussionen mit euch und hoffe, dass ich dem einen oder anderen einen neuen Blickwinkel eröffnen kann.

„Interessant. Also mein Kind konnte schon mit 4 richtig lesen. Habt ihr einfach nur nicht richtig geübt?“
„Wie? Du hattest mit 18 noch keinen Sex? Hast du keine abgekriegt?“
„Hä? Mit 21 noch immer Single? Willst du zu Schwiegertochter gesucht oder was?“
„Bist du dir sicher? Also normalerweise geht man ja mit 18/19 ins Ausland und nicht mit 28 … bist ja voll die Backpacker-Oma.“
„Alter, du wohnst mit 30 noch bei deinen Eltern? Wie hart kann man sein Leben eigentlich verkacken?“
„Na, du bist doch jetzt Mitte 30. Wie sieht es denn aus? Partner? Kinder? Man wird ja nicht jünger und die biologische Uhr … du weißt schon.“
„Ernsthaft? Mit 40 dein erstes Kind? Du weißt aber schon, dass das reichlich spät ist, oder?“
„Haha, also wenn du mit 50 nochmal eine neue Ausbildung beginnst, kannst du es doch direkt lassen. Gehst doch eh gleich in Rente.“

Ich bin diesen Monat 30 Jahre alt geworden. Eine Zahl, vor der ich wahnsinnige Angst habe. Eine Zahl, die mich tierisch unter Druck setzt, obwohl man doch nur so jung ist, wie man sich fühlt. Am liebsten wäre ich zu meinem Geburtstag abgehauen, hätte mich irgendwo verkrümelt, wo mich keiner kontaktieren kann. Dank Corona verpuffte dieser Wunsch im Nichts – wenigstens wurde ich so dazu gezwungen, niemanden einladen zu dürfen. Was für eine Erleichterung. Manchmal hat die Pandemie ja doch ihre kleinen Lichtmomente …


Zu Schulzeiten ging das erste richtig große Battle los, als wir mitten in der Pubertät steckten. Das Interesse an der ersten Beziehung und dem sagenumwobenen ersten Mal wuchs und damit auch der Druck. Ich kann es verstehen, schließlich war das alles neu und spannend und man war unsicher und hoffte, sich von den anderen“Erfahreneren“ etwas abzuschauen. Hatte man zu früh oder zu spät seine erste Regelblutung bekommen, ging das Getuschel los: „Woah, die ist voll frühreif!“ vs. „Woah, erst jetzt? Also ich bin ja schon lange dabei.“Dann kam das Getuschel rund um die erste Beziehung. Die einen fanden es mit 14 zu früh, die anderen zu spät. Man konnte dabei eigentlich nur verlieren, weil die Meinungen so konträr waren. Machte man es nicht richtig, wurde man ausgeschlossen und ignoriert. Hatte man keinen Bock auf diese unsichtbaren Altersgrenzen, war man sowieso total uncool. Schließlich war es wichtig, wann man was erreicht hatte. Alles andere rückte in den Hintergrund. Es existierte der ungeschriebene Kodex, mit 16 schon entjungfert sein zu müssen, um wer zu sein. Hatte man es mit 18/19 nicht schon „hinter sich“, galt man als Spätzünder und musste sich erklären.


Ich war damals sehr naiv und dachte, dass dieses Battle, wenn wir denn endlich mal alle aus der Pubertät rauskamen und zu normalen Menschen wurden, deren Gehirn nicht mehr rein durch Hormone gesteuert werden, vorbei ist.
Ich hätte nicht krasser danebenliegen können.


Denn dann ging es erst richtig los.


Als ich mit 19 das Abi in der Tasche hatte und studierte, trugen viele aus meiner engsten Verwandtschaft den Druck an mich heran, ich müsse längst eigenständig sein und auf eigenen Beinen stehen. Mit knapp 60 Stunden, die ich wöchentlich als Erstsemester ins Studium investierte (inklusive Einleben in einer vollkommen neuen Stadt mit einem vollkommen neuen Lebensrhythmus), hatte ich keine Zeit, um arbeiten zu gehen, Geld zu verdienen, (finanziell) unabhängig zu sein. Ich habe wahnsinnig unter dieser für mich total unrealistischen Forderung gelitten – und auch darunter, mich in diesem Unileben einzufinden. So gern wollte ich dem entsprechen, weil ich niemanden enttäuschen wollte und zeigen wollte, dass ich alles im Griff habe und das mit dem Studium schon packe (für das ich, nebenbei gesagt, ebenfalls Gegenwind erhielt, weil ich Germanistik studiert habe, was sehr vorurteilsbelastet ist). Ich habe schnell gemerkt, dass mein Zustand – von den Eltern unterstützt zu werden – nicht der Norm entspricht, falsch ist, dass ich das lassen sollte und das schnell. Das führte zu weiterem Leidensdruck, weil ich überhaupt nicht verstand, was daran so falsch war. Ich war und bin dankbar dafür, dass meine Eltern die Chance hatten, mich so zu unterstützen, ohne mich mit BAföG und Co herumärgern zu müssen, weniger Seminare zu belegen, damit ich nebenher arbeiten kann, was die Studienzeit verlängert hätte. Ich war verletzt, weil man Dinge von mir erwartete, die ich in diesem Lebensstadium überhaupt nicht leisten konnte, selbst wenn ich es gewollt hätte.


Und damit machte ich mir selbst Druck. Schneller durchs Studium, damit ich Geld verdienen kann, um unabhängig zu werden. Bessere Noten, damit ich schneller einen Job bekommen kann, um schneller unabhängig zu werden.
Alles musste schneller gehen. Fehlerlos sein.


Was dazu führte, dass ich mein Studium überhaupt nicht mehr genießen konnte, weil ich es eigentlich nur noch machte, um Erwartungen anderer zu erfüllen. Dass die Lehrer uns damals permanent sagten, dass es super wichtig sei, in der Regelstudienzeit zu sein (oder besser: darunter!), hat mich zusätzlich gestresst, als ich die Uni wechselte und in Kombination von drei Fuß-Operationen ein Semester aussetzen musste. Die Regelstudienzeit!!! Und das bei Germanistik!!! Und das, wo sowieso schon alle stressten, dass ich doch endlich auf eigenen Beinen stehen sollte!!!
Nun ja. Leider haben sich die Vorurteile in Bezug aufs Germanistikstudium bewiesen – ich habe keinen Job gefunden und war dadurch wahnsinnig verzweifelt. Ich war nun Mitte 20, genauso „uneigenständig“, wie fünf Jahre zuvor und hatte keinerlei Perspektive. Schon da spürte ich erneut den Druck, den man uns zum Ende der Schulzeit eingetrichtert hatte: Von allen Seiten hieß es, „mit 30 hat man alles im Griff“. Ab 32 denkt man übers Kinderkriegen nach, ist beruflich gefestigt, hat komplette Kontrolle über sein Leben und lebt so vor sich hin. Studium und / oder Ausbildung ist vorbei. Man verdient gutes Geld. Steht auf eigenen Beinen und ist zufrieden. In der Familie sah ich etliche Beispiele, die diesem Muster folgten und dachte, bei mir würde es genauso sein. Als würde sich das einfach so, wie aus dem Nichts ergeben. Schließlich war es bei „allen“ so. Querschläger sah man selten und wenn, hatte das immer irgendwie einen Grund. Schwierige Vergangenheit, schlechte Noten, Faulheit … negative Attribute, die selten nach den wahren Gründen fragten.


Ich war gefühlt mit allem viel zu spät dran und konnte einfach nicht mehr aufholen und mithalten. Ich hatte ein Studium in der Tasche, das ich überhaupt nicht genossen hatte, keine Perspektive und wohnte noch immer bei meinen Eltern. Die Situation spitzte sich zu, als ich in einer illegalen Honorartätigkeit landete, die sich Scheinselbstständigkeit nennt (dazu in ein paar Monaten mehr) und teilweise von einem zweistelligen Nettogehalt leben musste, weil das gesamte restliche Geld bei Rente und Krankenkasse und Finanzamt landete. Ich schrieb mehrere hundert Bewerbungen, die allesamt ins Nichts führten und beschloss irgendwann, diese Situation durchzuziehen, bis ich meine „Freiberuflichkeit“ komplikationslos aufgeben würde nach Australien gehe. Auch etwas, was ich für viele viel zu spät gemacht habe.


Ging ich zum HNO, wurde ich mit „na, immer noch Hotel Mama?“ begrüßt, die Verwandten hatten mich mittlerweile längst abgeschrieben und als gescheiterte Existenz abgestempelt, was verletzender war, als hätten sie mich weiterhin unter Druck gesetzt und selbst Freunde wandten sich von mir ab, weil sie nicht verstanden, wieso ich so „hart im Leben verkacke“.


Und soll ich was sagen? Ich bin 30 und wohne noch immer bei meinen Eltern. Weder sie, noch ich haben ein Problem damit. Im Gegenteil. Im Corona-Jahr war das für alle sehr angenehm, weil keiner allein war und ich im Lockdown nicht allein in einer überteuerten Einzimmerwohnung leben musste.


Warum nehmen sich dann andere heraus, sich an dieser Tatsache zu stören?


Ich könnte von diesem Bild, das natürlich nicht die Norm darstellt und sehr naiv gezeichnet ist, nicht weiter entfernt sein. Auf so ziemlich jeder Ebene des Lebens.


Und das stresst mich. Sorgt für schlaflose Nächte. Ängste. Versagen.


30 ist nur eine Zahl. Das sage ich mir immer wieder. Es ist nirgendwo in Stein gemeißelt, oder gesetzlich verankert, dass man ab diesem Lebensalter bestimmte Dinge erreicht haben muss.


Aber genau das ist das verdammte Problem. Wo steht es geschrieben, dass man mit 16 das erste Mal erlebt haben muss? Mit 20 ausziehen soll? Mit 30 nicht mehr bei seinen Eltern wohnen darf? Nur, weil es sich normalisiert hat, heißt es nicht, dass man verkackt, ein Loser ist oder nichts auf die Kette kriegt, weil man diesen Altersgrenzen nicht entspricht.


Und wieso, wenn es kein Gesetz ist, an das es sich zu halten gilt, verhalten wir uns so, als wäre es so?


Ich bin es so dermaßen leid, mich ständig schlecht fühlen zu müssen, weil ich irgendwelchen Erwartungen nicht entspreche und es mich wahnsinnig stresst, diesen hinterherjagen zu müssen. Ich bin es so dermaßen leid, mich ständig rechtfertigen zu müssen, was für Entscheidungen ich getroffen habe, die zu dieser Situation führten. Es tut weh, wenn man ständig signalisiert bekommt, dass man so, wie man ist, nicht ausreicht und ungenügend ist. Dass man eingeredet bekommt, man sei faul oder hat unrealistische Zukunftsvorstellungen.Ich bin es so dermaßen leid, gewisse Themen auszusparen, weil ich mich dafür minderwertig fühle, weil ich weiß, dass gewisse gesellschaftliche Konventionen existieren, denen ich nicht entsprechen kann. Es vielleicht auch niemals werde.Ich bin es so dermaßen leid, anmaßende Sprüche wie die vom HNO hinzunehmen, weil ich sonst vor Verzweiflung in Tränen ausbreche oder eine Diskussion zu beginnen, wenn ich einfach nur eine Spritze bekommen will.


Wieso werden solche Themen ständig zur öffentlichen Diskussion gestellt?


Wer auch immer mir und den anderen den Floh ist Ohr gesetzt hat, dass ab 30 alles in geordneten Bahnen verläuft, hat mit dieser Aussage und der damit verbundenen Wirkung voll ins Klo gegriffen. Für manche mag das sicherlich so sein. Früher, in der Generation unserer Eltern und Großeltern sowieso. Aber allein durch Corona wurden so viele geradlinige Wege aufgebrochen. Jeder ist momentan im Standby. Viele organisieren ihre Existenzen neu.


Das Leben verläuft nie geradlinig und die Gründe dafür sind so verschieden wie die Menschen selbst.


Und das ist okay.Es ist doch nicht an uns, andere Lebenswege und damit auch ihre Gründe zu beurteilen, als würden wir etwas davon verstehen.


Ich weiß noch genau, wie ich mich gefühlt habe, als ich das Abizeugnis überreicht bekam und alle Anwesenden in der Aula applaudierten. Nie hätte ich gedacht, mein Abi zu bestehen. Ich fühlte mich unbesiegbar und hatte das Gefühl, dass das Leben erst jetzt richtig beginnt.


Davon ist rein gar nichts mehr übrig.


Und ich wünschte mir, man hätte mir das nicht genommen.Ich wünschte mir, ich hätte mir dieses Gefühl nicht nehmen lassen.


Können wir nicht alle ein wenig daran arbeiten, weniger vorurteilsbehaftet durchs Leben zu nehmen? Und das nicht nur bezogen auf Religionen, Sexualitäten, Beziehungs- und Lebensformen, sondern auch in Bezug auf diese scheiß unsichtbaren Altersgrenzen, die einem lediglich das Leben schwermachen?


No worries,

Sarah