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Warum du eine 44-stündige Busfahrt quer durchs Outback machen solltest

„Und wie geht es nach Adelaide für dich weiter?“
„Och. Ich fahre mit dem Greyhound knapp 40 Stunden hoch bis nach Darwin.“
„Wie bitte?!“

So oder ähnlich liefen die Unterhaltungen ab, die ich mit anderen Reisenden führte, als ich von meiner Busfahrt einmal quer durch Australien erzählte. In diesem Post möchte ich euch sagen, wieso das eine der coolsten Erfahrungen war, die ich down under gemacht habe und euch unbedingt dazu motivieren, es ebenfalls zu tun, solltet ihr jemals diese Gelegenheit haben.


Ich habe von März bis April auf einer Farm rund um Adelaide (im Süden Australiens) gearbeitet und wollte danach pünktlich zum Beginn der Mindil Market Saison nach Darwin (im Norden Australiens).

Da zwischen diesen Orten, die knapp 3.000km voneinander entfernt sind, auch noch Coober Pedy liegt, die berühmte Opalminenstadt und ich die unbedingt sehen wollte (DAS ist noch einmal ein ganz anderes Abenteuer!), habe ich mich dazu entschieden, die 3.000km mit dem Bus zurückzulegen.


Das hatte sehr pragmatische Gründe:

  1. Australien ist verdammt riesig und man fliegt innerhalb diesen Jahres sowieso schon genug, da sollte man, sofern es irgendwie geht, auf weitere Flugreisen verzichten. Und das sage ich gar nicht als Klimaerwärmungsmoralapostel, sondern generell.
  2. Coober Pedy ist neben Alice Springs, dort, wo der Uluru liegt, einer der teuersten Flughäfen ganz Australiens. Wozu viel Geld für einen Flug aufbringen, wenn man genauso gut mit dem Bus fahren kann und dafür mehrere Dollar spart, die einem längere Aufenthalte in Hostels oder coole Aktivitäten ermöglichen?

Also buchte ich über Greyhound Australia den 7-tägigen Whimitpass. Der wurde leider innerhalb meines Jahres abgeschafft, man startet nun mit 15 Tagen. Das Coole ist, dass man mit diesem Pass innerhalb der Gültigkeitsdauer so viel reisen kann, wie man möchte und diese kostenlos umbuchen darf, wenn man sich entscheidet, irgendwo länger oder kürzer zu bleiben (was mir in Coober Pedy den Allerwertesten gerettet hat). Das macht vor allem an der Ostküste Sinn, wo der Greyhound sehr viele wichtige Hotspots abfährt, wobei es da nochmal ein gesondertes Ticket gibt. Einziger Haken: Man kann diesen Pass nur in eine Richtung nutzen. Sollte man also viel reisen und mit den einzelnen Strecken über die jeweilige Summe des Passes kommen, lohnt sich das in jedem Fall.


Natürlich hatte ich riesigen Respekt vor dieser Reise. Von Frankfurt nach Sydney dauerte mein Flug knapp 22 Stunden, wenn man die zwei Stunden Umsteigen in Hongkong rausrechnet. Und nun sollte ich 44 Stunden im Bus sitzen und „nur“ von Adelaide nach Darwin fahren? Uff.


Als ich von Adelaide aus in den Greyhound stieg, völlig überladen mit Fressalien für die Fahrt und der Verpflegung in Coober Pedy und dem üblichen Backpacker-Plunder, bereute ich meine Entscheidung und ärgerte mich, nicht einfach zwischen Coober und Adelaide hin und her gefahren zu sein, um dann von Adelaide nach Darwin zu fliegen (was für ein Irrsinn).


Doch die Fahrt war eine der coolsten Sachen, die ich gemacht habe und ich bin wahnsinnig froh, dem Schweinehund nicht nachgegeben zu haben. Und ganz ehrlich? Ich würde es jederzeit wieder machen. Definitiv.


Die Fahrt beginnt abends, sodass man Adelaide in der Dunkelheit verlässt. Während meines Trips begann der Vollmond und das war schon beim Rausfahren aus der Stadt einfach nur cool. Der Fahrer machte einige Witze und schnell düsten wir über den Highway Richtung Coober Pedy. Dort kamen wir nach knapp 12 Stunden Fahrt an, die ich größtenteils verschlafen hatte.


Während der Fahrt hielt der Fahrer sehr lange – wo, weiß ich nicht, es war stockdunkel und ich habe auch keine Ahnung, wie spät es war. Auf der anderen Straßenseite stand ein roter PKW, die Motorhaube total zermatscht, davor ratlos stehende Menschen, die mit Taschenlampen und Stirnleuchten den Schaden erhellten. Ein Känguru war frontal ins Auto gesprungen, ich erkannte nur die Schwanzspitze des Tiers im Graben. Das fand ich gruselig. Zu einem die Situation an sich, und dann der Gedanke, in einem winzigen PKW mitten im Outback ohne Handyempfang mit einem Auto zu stehen, das reif für die Verschrottung war. Horrorvorstellung. Deshalb sollte man auch nachts nicht mit solch winzigen Autos fahren. Das ist wahnsinnig gefährlich. So ein bombastischer Roadtrain oder auch ein Reisebus haut die Kängurus ja easypeasy weg, aber bei PKWs wird eher andersrum ein Schuh draus.Der Fahrer hielt locker eine Stunde und fragte, ob sie Hilfe bräuchten und stellte sein Satellitentelefon zur Verfügung. Doch wirklich helfen konnte er auch nicht, das Auto war nicht mehr befahrbar.


Immer wieder hielten wir an, weil der Fahrer gleichzeitig auch Postbote ist. Etwas, was ich nicht wusste und nur durch diese Reise erfuhr. Mitten im Nirgendwo gibt es trotz allem Farmen, deren Briefkästen kilometerweit von ihren Häusern entfernt am Highway stehen. Der Greyhound nimmt die Post mit und verteilt sie in die einzelnen Briefkästen oder großen Boxen der Communities. Das war total spannend zu sehen.


Ich weiß noch, dass ich zuerst gar nicht checkte, dass wir in Coober Pedy waren und ich erst im letzten Moment ausstieg. Es war stockdunkel, man sah kaum was und es war zwischen 6 und 7 Uhr morgens.


In Coober Pedy blieb ich zwei Tage, wie gesagt, davon erzähle ich in einem anderen Post. Das ist ein Erlebnis der besonderen Art.

Danach ging es in den Greyhound Richtung Alice Springs, wo ich wieder einen kurzen Stopp einlegen würde, bevor es Richtung Darwin ging. Um 5.45 Uhr fuhr der Bus in Coober Pedy ab und ich war heilfroh, dieser „Stadt“ den Rücken kehren zu können.


Da die Fahrt am Tage war, konnte man viel hinausgucken. Böse Zungen werden sagen, dass man ja nichts sehe, aber genau DAS ist für mich Australien und diese Busfahrt hat mich mit ihrer Aussicht glücklicher gemacht als manch andere Dinge, die andere unbedingt erleben wollen.


Dieses grenzenlose Nichts, das nur von kargen Büschen unterbrochen wird. Dieser rostrote Sand, den es in diesem Farbton nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Kängurus, die am Horizont umherspringen. Das macht mich so unfassbar glücklich und lässt mein Herz schneller schlagen. Es sind manchmal die kleinen Dinge.


Ich konnte mich weder auf mein Buch, noch auf meine Netflix-Sendungen konzentrieren und hörte meine damaligen Australia-Playlists durch, während ich diese Aussicht genoss. Das ist Mindfulness Deluxe. Ich war total präsent im Moment, habe alles andere ausgeblendet und mich nur auf das konzentriert, was vor und um mich herum lag. Das war so entspannend und beinahe schon meditativ.


Als Reisender ist man innerlich ständig unruhig und physisch immer irgendwie auf dem Sprung. Selbst wenn man irgendwo länger bleibt, fühlt es sich doch immer wie ein Provisorium an, weil man nie richtig sesshaft wird. Das macht Bock und gehört dazu, ist aber irgendwann auch einfach anstrengend und nervig. Und genau davon holte mich die Busfahrt weg und brachte Ruhe rein. Etwas, von dem ich nicht wusste, wie sehr ich es brauchte.

Kurz vor Erldunda machten wir Pause und ich war total aufgeregt, das Roadhouse zu sehen. Denn hier hatte ich während der Reise mit meinen Eltern (2006) Pause gemacht. Noch heute habe ich deren Merchandise und erinnere mich an ein phänomenales Steak, das wir dort gegessen hatten (und zum Nachtisch Dorritos, weil es die damals noch nicht in Deutschland gab). Ich war erstaunt zu sehen, wie touristisch der Ort geworden ist. Mittlerweile kann man sich komplett mit Logo und Co einkleiden. Im angrenzenden Gebiet kann man Emus beobachten und die Kinder scharten sich glücklich um die Tiere. Es gibt eine Karte, die die verschiedenen „Attraktionen“ anpreist. Von dem gemütlichen, urigen Roadhouse von damals ist nichts übriggeblieben. Das ist nach so vielen Jahren natürlich logisch und verständlich, aber ein kleines bisschen Wehmut empfinde ich dann doch.


Gegen Mittag kamen wir in Alice an und ich hatte mich dort in ein Hostel gebucht, um duschen und was Anständiges essen zu können und auch, um die Vorräte für die weitere Reise aufzustocken. Leider war ich über die Osterfeiertage dort, weshalb alles geschlossen hatte, doch für einen kurzen Spaziergang durch die Mall, die exakt so aussah wie vor 10 Jahren, reichte es dennoch.


Das Hostel war für eine Nacht in Ordnung, obwohl es ein 28-Bett-Zimmer war. Da es aber in zwei voneinander abgetrennte Räume aufgeteilt war, fühlte es sich nicht ganz so schlimm an und für eine Nacht war es definitiv machbar. Kostenloses Frühstück gab es auch, was ich bei der Buchung gar nicht gesehen hatte und mich total freute. Während ich am Tag darauf im Foyer des Hostels auf den Bus wartete, durfte ich auf Norbert, die Bartagame der Rezeption, aufpassen. Das war cool.

Am Nachmittag ging es weiter und selbst da war ich noch nicht genervt vom Busfahren. Zum einen, weil nun die für mich schönste Strecke in Australien beginnt und zum anderen, weil es wahnsinnig bequem ist, im Greyhound zu fahren. Die Sitze sind angenehm und nicht so starr, wie im Flugzeug. Man hat einen USB-Anschluss und kann sein Handy oder andere Geräte aufladen. Ich hatte ein paar Netflix-Serien runtergeladen und Musik mit Spotify auf den Ohren. Ab und an hat man auch mobiles Internet, sodass man mit Familie und Freunden schreiben kann, um sich die Zeit zu vertreiben. Ich hatte auch Glück, denn nur auf dem letzten Abschnitt war der Sitz neben mir belegt, sodass ich mich ausstrecken konnte.

In Alice in den Bus zu steigen, dort DARWIN zu sehen, war für mich ein absolut emotionaler Moment. Ich liebe Darwin, habe schließlich auch ein Darwin-Tattoo und wie gesagt, die Strecke ist für mich der schönste Abschnitt in Australien. Wir fuhren weiter über den Highway, leider verschlief ich Wycliffe Well, ein Roadhouse, das komplett im Sci-Fi-Stil gehalten ist. Dort gibt es sogar einen King Kong-Schrein und überall wimmelt es von Figuren von Außerirdischen. Ich hätte gern gesehen, wie es jetzt aussieht, aber dafür muss ich wohl ein anderes Mal hin 🙂


Um Mitternacht herum machten wir Stopp in Tennant Creek und der Busfahrer scheuchte uns verschlafene Meute aus dem Bus. Kaum war ich ausgestiegen und drehte mich um, war er weg und ich ärgerte mich, weil ich vergessen hatte, meinen Rucksack mitzunehmen. Einer anderen Reisenden, die ich in Alice im Hostel kennengelernt hatte, erging es ähnlich und wir waren etwas nervös, was vermutlich am Schlafentzug lag und daran, dass es ein Uhr morgens war. Dazu kam, dass in einiger Entfernung stark alkoholisierte Aborigines herumkrakeelten, vor denen man in diesem Zustand absolut Abstand halten sollte, da sie durch den Alkohol aggressiv werden. Das war alles sehr unangenehm, doch nach einer halben Stunde kehrte der Bus zurück. Der Fahrer hätte auch gern sagen können, dass er nur kurz tanken war. Puh.

Es ging also weiter über den Highway Richtung Norden, vorbei an Mataranka, die warmen und von der Natur erschaffenen Hotpools, bei denen ich damals gewesen war. Toller Ort, wäre gern länger geblieben, aber mich zog es Richtung Darwin. Das Outback war nun einer grüneren Fläche gewichen und man merkt, dass es langsam tropischer wird. Diese sich wechselnde Aussicht ist einfach der Wahnsinn – und all das würde einem entgehen, wenn man nur hinfliegt.


Zwischen Mataranka und Darwin gibt es eine Brücke, ziemlich oll, braun, parallel zum Highway verlaufend. Damals, 2006, gab es dort ein Graffiti, was mich total zum Lachen gebracht hat. Und ich hatte Tränen, in den Augen, als ich es 2019 sah, weil ich niemals damit gerechnet hätte, es so viele Jahre später noch immer zu sehen. Gehofft hatte ich es, aber es wirklich zu sehen, war unfassbar emotional.

Gegen Nachmittag kamen wir in Darwin an und ich muss gestehen, ich sehnte mich dann doch sehr nach einer Dusche und ein wenig Bewegung. Aber dieses Gefühl war nichts im Vergleich zu diesem ranzigen Feeling nach einem Langstreckenflug. Vielleicht, weil man doch mehr erlebt und sich auf andere Dinge fokussiert. Weil man Input hat und sich nicht nur auf die fettigen Haare konzentriert.


Also, warum solltest du 44 Stunden mit dem Bus fahren?

  1. Du schonst die Umwelt.
  2. Du sparst Geld.
  3. Du hast eine fantastische Aussicht, die dich dem Land näher bringt, als es jeder Flug könnte.
  4. Du erfährst etwas von Australiens Roadhouse-Kultur – von Emus über Aliens bis hin zu leckerem Essen.
  5. Du kannst mit einem Whimit-Pass jederzeit aussteigen, um irgendwo zu verweilen – vielleicht für einen Sprung in die Hot Springs von Mataranka?
  6. Jesus loves Nachos.
  7. Du kannst mit anderen Reisenden ins Gespräch kommen – glaub mir, so eine lange Busfahrt schweißt zusammen.

No worries,

Sarah


Weiterführende Links:
Greyhound Australia – Whimit

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