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Was ist Heimat?

“Sarah sinniert” ist eine Art Kolumne, in der ich mich jeden Monat zu einem Thema äußere, meine Gedanken und Gefühle teile und mich kritisch mit Problemen auseinandersetze, die in unserer Gesellschaft auftauchen.Ich freue mich auf konstruktive Diskussionen mit euch und hoffe, dass ich dem einen oder anderen einen neuen Blickwinkel eröffnen kann.

Silbermond - B 96 (Offizielles Musikvideo) [2016]

Jedes Mal, wenn ich B96 von Silbermond höre, werde ich wehmütig. Traurig. Fühle etwas, das ich nicht habe. Nie hatte. Trauere um Dinge, die ich nicht wirklich nachvollziehen kann und es doch so gerne würde.


Heimat. Was ist das? Was ist meine Heimat?


Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Lebe seit meiner Geburt in dieser Straße. In diesem Haus. Auch wenn ich mehrere Zimmer bewohnt habe, habe ich bis auf ein Jahr fürs Studium und ein Jahr in Australien doch nie woanders gelebt. Kenne meinen “Hood” in- und auswendig. Beobachtete Veränderungen über die Jahre hinweg. Nachbarn kamen und gingen. Gefühle, die diese Nachbarschaft trugen, wandelten sich. Nicht immer ins Positive. Sanierungen gab es ohne Ende. So, dass ich das Viertel manchmal gar nicht mehr wiedererkenne, wenn ich alte Fotos und Videos anschaue.


Man sollte meinen, dass mich deshalb sehr starke Gefühle mit diesem Ort verbinden. Gerade, weil ich schon immer hier gewohnt habe. Dass das irgendetwas in mir auslöst. Irgendetwas in mir macht.


Nein.


Selbst das gesamte Jahr in Australien über, sogar nach der Horror-Farm, hatte ich kein Heimweh. Habe nichts vermisst. Weder deutsches Brot, noch Gummibärchen. Kein Bedürfnis gehabt, vor der Ausreise wichtige Orte aufzusuchen, keinen Bedarf gehabt, sie nach meiner Rückkehr wiederzusehen. Nicht mal nach einem Jahr Pandemie juckt es mir in den Fingern, irgendwo hinzugehen nur des Ortes wegen. Sehnsucht? Fehlanzeige.


Es ist mir ehrlich gesagt herzlich gleichgültig.


Sobald ich das Wort Heimat vor meinen Augen sehe. Dem Text aus B96 lausche, ist da nur Dunkelheit.


Dieses Gefühl habe ich weder Berlin, noch Deutschland wirklich entgegenbringen können. Obwohl mir während meiner Australienreise in den Hostels mehrmals gesagt wurde, ich wirke durch und durch deutsch (woran auch immer man das festmachen kann), definiere ich mich nicht darüber und will das auch gar nicht – im Gegenteil. Es macht mich eher traurig. Weil Heimatgefühle für mich nur ein Wort sind, die nicht mit irgendeinem Gefühl meinerseits gefüllt werden und ich auch nicht möchte, das andere das tun und etwas hineininterpretieren.


Ich habe so oft gesagt, dass ich kein Fan von Deutschland bin, von Berlin noch weniger. Müsste ich heute das Land verlassen und woanders neu anfangen – ich hätte keine Probleme damit. Die Diskussion darüber, dass Deutschland ein reiches, gesundes Land ist und es anderen Ländern rein von der Infrastruktur her schlechter geht, klammern wir an dieser Stelle bitte mal aus – Danke sehr.


Manchmal fühle ich mich wie ein Tourist im eigenen Land. Finde Systeme, Kultur, Verhaltensweisen und manchmal sogar die Sprache als fremd. Und das war nie anders. Von Heimat kann man da leider nicht sprechen.


Ich weiß nicht, wie es ist, stolz auf seine Heimat zu sein. Damit so verbunden zu sein, dass man sich nie vorstellen könnte, woanders zu leben. Den Stolz über das eigene Land, das man unbewusst immer repräsentiert, nach außen zu tragen. Nie, nie, nie würde ich mir zu einer Fußball-WM eine Deutschlandflagge auf die Wangen malen oder ein Deutschlandtrikot tragen.


Dass man so wichtige Gefühle in sich trägt, dass man einer Autobahn einen Song widmet, weil Heimat einem so viel bedeutet.


Ich weiß nicht, wie es ist, Heimat zu empfinden. Ich habe keine Emotionen, die ich an dieses Wort knüpfe und das als Hochsensible.


Das macht mich traurig.


Es ist, als ob etwas Wichtiges in meinem Inneren fehlt. Ein kleines, aber bedeutendes Puzzleteil, das ich nie bekommen werde. Das Stickeralbum, das immer unvollständig bleiben wird.


Ich hätte gern eine Kindheit gehabt, die mich so örtlich geprägt hätte, dass ich als Erwachsene irgendwann zurückkehre und mich mit einem Lächeln an das erinnere, was ich erlebt habe. Vielleicht sogar traurig bin, weil jetzt alles anders ist und ich diesen Ort nicht mehr als solchen wiedererkenne. Dass ich eine Autobahn entlangfahre, sentimental werde. Mich auf das freue, was vor mir liegt. Dass ich das Gefühl habe, wirklich nach Hause zu kommen. Dass ich glücklich bin, an diesen Ort zurückzukehren.


Es macht Vieles leichter, wenn Gebäude, die einem wichtig waren abgerissen werden und man dabei nichts empfindet, anstatt es zu betrauern und in Melancholie zu versinken, das ja. Wenn der Kindergarten den Baum gefällt hat, an dem man nie hochklettern konnte, weil man zu klein war und nun als Erwachsene daran vorbei geht und sich denkt „meinetwegen, ist eigentlich auch egal“.


Ich möchte B96 hören und sagen “Ja, das kenn ich. So geht es mir auch” und wehmütig ins Leere schauen, weil Bilder meiner Kindheit in den Kopf strömen, die mich glücklich machen. Weil ich traurig bin, diesen einen Baum dort nie wieder stehen zu sehen.Stattdessen sitze ich da und bedaure, an einen Ort zurückkehren zu müssen, der mir nichts gibt. Der mich geprägt hat, aber nicht im Positiven.


Ich möchte eine Heimat haben und das nicht nur fiktiv. Sondern im realen Leben. Das volle Programm. Vielleicht habe ich Glück und finde sie irgendwann – oder erschaffe sie mir selbst.


Und vielleicht werde ich nie aufhören mich nach diesem Teil einer Kindheit zu sehnen, den ich nie hatte. Möglich, dass ich B96 deshalb trotz allem verstehe, fühle und so gern mag.


Wie ist es bei euch? Was bedeutet euch Heimat? Wo ist sie? Oder wer ist sie?


No worries,

Sarah