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Ich bin Single – und trotzdem glücklich!


“Sarah sinniert” ist eine Art Kolumne, in der ich mich regelmäßig zu einem Thema äußere, meine Gedanken und Gefühle teile und mich kritisch mit Problemen auseinandersetze, die in unserer Gesellschaft auftauchen.
Ich freue mich auf konstruktive Diskussionen mit euch und hoffe, dass ich dem einen oder anderen einen neuen Blickwinkel eröffnen kann.

Kennt ihr das auch? Ihr geht auf eine Familienfeier, alle plaudern fröhlich miteinander, erzählen von ihrem Job, der Familie, wieso Hans-Peter mal wieder zu spät kommt und erörtern den Klimawandel anhand der Heißwetterperiode während des Grillens.


Dann setzt sich eure Tante, Oma, Onkel, Cousine, etc neben euch.


„Sag mal. Wie sieht das denn bei dir aus? Hast du mittlerweile einen Partnergefunden?“


Meine Antwort lautet seit Jahren „Nein„.

Man könnte das einfach akzeptieren und mit Kuchen, Würstchen oder den Gesprächen über Job, Klimapolitik und Co weitermachen. Aber nein. Der Beziehungsstatus ist etwas, das gern von Außenstehenden diskutiert werden muss – genau wie das Thema Kinderwunsch. Dass solcheThemen intim und privat sind, scheint niemanden zu kümmern – lieber regt man sich darüber auf, dass junge Menschen so viel auf Social Media von sich teilen und fordern sich genau diese verurteilten Informationen ein.


Denn immer ist das Ergebnis gleich: Es ist nicht richtig, Single zu sein.

Single zu sein ist ein unzureichender Ist-Zustand,

der in den Soll-Zustand Beziehung umgewandelt werden soll.

An dieser Ansicht ist einfach alles falsch und da mache ich überhaupt keinen Unterschied, wer dieser Auffassung ist – ob das (entfernte) Familienmitglieder, Freunde oder Fremde sind.Wie oft wurde ein Single gefragt, wie lang er schon Single ist?Wie oft wurde ein Pärchen gefragt, wie lang es zusammen ist?Wie oft thematisiert man einen Beziehungsstatus und wie oft spricht man über den Singlestatus?Ich denke, ihr könnt euch die Fragen selbst beantworten und bemerkt, wie ungleichmäßig die Gewichtung ist. Und eigentlich auch, wie anmaßend diese Gesprächsthemen sind.


Ich bin Langzeitsingle und finde das weder schlimm, noch falsch. Leider sieht das die Allgemeinheit anders.


Als meine letzte Beziehung in die Brüche ging, war ich am Boden zerstört. Nicht nur, weil Beziehungsenden immer schwierig sind, sondern auch, weil die Beziehung nicht einfach war und ich das für mich erst einmal annehmen, verstehen und verdauen musste. Wenn eine Beziehung in die Brüche geht, gibt es eigentlich nur zwei Haltungen, die sich in unterschiedliche Gruppen einteilen lässt: Die einen bleiben für sich und versuchen zu verarbeiten, was passiert ist. Sei es in Form von tränenreichen Ausbrüchen, Liebesfilmen, Schokoeis und Gesprächen mit Freundinnen oder in Produktivität und äußerlicher Veränderung. Die anderen beginnen direkt die nächste Beziehung. Weil sie nicht allein sein wollen oder können, davor zurückschrecken, sich mit dem Ende einer Beziehung zu beschäftigen, die ja immer eine gewisse Form von Ablehnung darstellt.Beide Umgangsformen sind vollkommen in Ordnung, auch wenn sie manchmal wehtun.


Ich machte eher halbherzige Versuche, jemanden kennenzulernen, weil ich das Gefühl hatte, beweisen zu müssen, dass ich trotzdem gewollt wurde.


Und das ist so falsch.


Die Gesellschaft, in der wir leben, ist von diesem Tenor getrieben, dass man als Mensch unzureichend ist, solang man Single ist – denn die Beziehung ist das Optimum; das, wohin man will, was erstrebenswert ist.


Ist das nicht traurig?


Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der man mir sagt, dass ich jemanden brauchen muss, um mich vollständig zu fühlen. Um mir selbst genug zu sein.


Miley Cyrus, man kann ja von ihr halten, was man will, bringt das in ihrem Song Midnight Sky (der, nebenbei gesagt, grandios ist), auf den Punkt:

Ich möchte nicht darauf angewiesen sein, mein Glück, meine innere Zufriedenheit und mein Lebensziel in einer Person zu finden. Denn, erstens: Was habe ich, falls diese Beziehung in die Brüche geht? Und zweitens: Warum kann ich all diese Dinge nicht in mir selbst finden?Ist es nicht viel wichtiger, mit sich selbst in seinem Leben zufrieden zu sein? Unabhängig zu sein?

Miley Cyrus - Midnight Sky (Official Video)

Wieso hat unsere Gesellschaft verlernt, dass Individuen vollständige Menschen

sind, die diesen Status nicht erst durch eine Beziehung erreichen?

Ich muss nicht von Beziehung zu Beziehung flüchten, weil ich Angst habe, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Weil ich nach Bestätigung suche. Einem Lebenssinn.


Ich finde das alles in mir – oder bin auf der Suche danach. Denn am Ende ist die Beziehung zu mir selbst die Einzige, die ich bis an mein Lebensende führen muss. Und die sollte funktionieren. Ich selbst bin die einzige Garantie, die mir das Leben gibt und ehrlich gesagt genieße ich die Freiheit, die ich als Single habe, sehr. Denn das ist gar nicht so einsam und ätzend, wie man denkt, sondern ehrlich gesagt verdammt cool. Und nein, ich rede mir das nicht schön. Ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Ich will ein Jahr nach Australien gehen? Cool! Kann ich machen, ohne mit meinem Freund darüber zu sprechen, ob das für ihn okay ist oder ohne darum zu fürchten, dass er nach zwölf Monaten jemand Neues auf Tinder kennengelernt hat, während ich im Outback rumgurke. Ich hab Bock auszuwandern? Geilo, mach ich! Ich will das ganze Wochenende Bücher lesen, Sims spielen, Filme gucken? Mach ich. Weil ich es kann und mir niemand sagen muss, ich solle mich mit jemandem treffen.


Und ganz ehrlich? Mir gefällt mein Leben verdammt gut so. Lieber bin ich glücklich mit mir selbst, als unglücklich in einer Beziehung. Ich kann machen, was ich will, frei entscheiden, was ich möchte, ohne rücksichtslos zu sein und selbstbestimmt mein Leben führen – ein Leben, das nur ich und niemand sonst leben muss.


Und vielleicht sollte ich das beim nächsten Familientreffen genau so sagen – und die Diskussion umlenken. Nämlich darin, wie anmaßend und überflüssig diese Fragerei ist, wenn man gleichzeitig aus seinem Gehalten ein ach so großes Geheimnis macht und sich darüber beschwert, wieso Chantal ihren Beziehungsstatus auf Facebook teilt – denn das ist ja privat.

No worries,

Sarah