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Warum Berlin keinen Lehrermangel hat

“Sarah sinniert” ist eine Art Kolumne, in der ich mich regelmäßig zu einem Thema äußere, meine Gedanken und Gefühle teile und mich kritisch mit Problemen auseinandersetze, die in unserer Gesellschaft auftauchen.
Ich freue mich auf konstruktive Diskussionen mit euch und hoffe, dass ich dem einen oder anderen einen neuen Blickwinkel eröffnen kann.

Disclaimer: Mir ist durchaus bewusst, dass an (Berliner) Schulen Lehrer fehlen und der Kraftaufwand, um diesen Mangel auszugleichen, an die Substanz geht – gerade jetzt während der Pandemie. Ich möchte weder mit dem Titel, noch dem Beitrag die Leistung der Lehrer herabwürdigen oder herunterspielen. Jeder von ihnen macht einen verdammt wichtigen Job und ich habe größten Respekt davor.

Jedes Jahr, spätestens nach den Sommerferien, hört man in sämtlichen Nachrichten, Gesprächen mit Familie und Bekannten und über fünf Ecken, dass an Berliner Schulen wieder mehrere tausend Lehrer fehlen und deshalb teilweise sogar Unterricht ausfallen muss, weil man diesen Mangel nicht ausgleichen oder anders beheben kann. Allein das finde ich schon mehr als zum Haare raufen, aber das Ganze ist wesentlich weniger nachvollziehbar, als man es sich nur aufgrund dieser Meldungen vorstellt.


Ich habe Germanistik mit Bachelorabschluss studiert, gemerkt, dass mir das Studium psychisch überhaupt nicht gut tut und weigere mich deshalb, einen Master zu machen. Während dieser Zeit war ich durchgängig als Nachhilfelehrerin tätig und habe im Anschluss als Dozentin für Deutsch als Fremdsprache gearbeitet. Ich habe meinen Beruf sehr geliebt, ihn aber wegen der unzumutbaren Bedingungen (illegale Honorarstellen namens Scheinselbstständigkeit) aufgeben müssen. (dazu an anderer Stelle mehr)


Die Frage war dann: Und jetzt?


Familie, Freunde, Bekannte, Kollegen, ALLE lagen mir permanent und jahrelang damit in den Ohren, dass ich mich doch als Quereinsteigerin auf Lehramt bewerben soll. Das Unterrichten liegt mir, ich habe überwiegend sehr positives Feedback bekommen, ohne jemals Didaktik oder Pädagogik offiziell gelernt zu haben, und eigentlich macht mir das Unterrichten sehr viel Spaß. Leider hat keine dieser Personen bemerkt, dass es ein meilenweiter Unterschied ist, ob ich Erwachsene oder Kinder unterrichte – denn ich möchte nicht mit Kindern arbeiten. Deshalb habe ich mich nie weiter mit dem Thema beschäftigt, zumal es nicht einfach damit getan ist, den Vertrag zu unterschreiben und als Quereinsteiger Lehrer zu sein. Meistens studiert man nebenher noch ein Zweitfach, macht eine Art Referendariat und arbeitet währenddessen so gut wie Vollzeit. Stress pur. Und das für einen Beruf, den ich nicht einmal ausüben möchte. Ich habe dankend abgelehnt.


An dieser Stelle sei gesagt: Ich möchte hier überhaupt keine Grundsatzdebatte darüber führen, ob Quereinsteiger schlechtere Lehrer sind. Ich wette, jeder von euch kennt einen oder mehrere Lehrer aus der eigenen Schulzeit, die einen Totalausfall dargestellt haben. Macht ein Lehramtsstudium einen Menschen zum besseren Lehrer? Nein. Der Charakter sollte auch ein wenig dazu passen. Quereinsteiger können genauso guten oder schlechten Unterricht machen wie ausgebildete Lehrer, daher finde ich diese Diskussion unnötig.


2020 kam Corona und ohne große Hoffnungen und ohne Motivation oder Willen, das Ganze durchzuziehen, schickte ich eine Bewerbung ab. Per Post. Weil digital ist ja nicht in Berliner Behörden. Dadurch, dass viele Lehrer in Berlin aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehören, hat sich der Lehrermangel noch stärker ausgewirkt als ohnehin schon. Manche Schulen waren teilweise überhaupt nicht in der Lage, ihren normalen Betrieb fortzuführen und mussten deswegen schließen. Nicht wegen eines Shutdowns. Nicht wegen der Bestimmungen. Nicht mal direkt wegen der Pandemie. Das muss man sich mal klarmachen.


Ich war mir trotzdem sicher, keine positive Antwort zu bekommen.


Und so war es dann auch:

Ihre Bewerbung wurde nach Maßgabe unserer aktuellen Stellenausschreibung für den Einstellungstermin Februar 2021 geprüft. Nach Prüfung Ihrer Bewerbung wurde festgestellt, dass Sie hinsichtlich des geforderten Hochschulabschlusses die Bedingungen unserer Stellenausschreibung nicht erfüllen. Sie verfügen über einen Bachelorabschluss, nicht jedoch über einen Masterabschluss. Ihre Bewerbung für den Quereinstieg bei gleichzeitiger unbefristeter Einstellung in den Berliner Schuldienst kann leider nicht berücksichtigt werden.


Berufen hat man sich hierbei auf §12 des Lehrkräftebildungsgesetzes, welches besagt, dass eine berufsbegleitende Vorbereitung der Lehrkräfte erfolgen kann, wenn nicht genug Bewerber mit Lehramtsbefähigung zur Verfügung stehen.


Zu diesem Zweck können ausgeschriebene Stellen mit Bewerberinnen und Bewerbern besetzt werden, die über einen lehramtsbezogenen Master of Education, über eine Erste Staatsprüfung oder über einen Diplom-, Master- oder Magisterabschluss in einem einschlägigen Fach gemäß Satz 1 verfügen, der an einer Universität oder Fachhochschule erworben wurde und bei dem sich ein zweites Fach mit angemessenem Studienumfang feststellen lässt.

Zitatquelle: Lehrkräftebildungsgesetz – LBiG vom 7. Februar 2014


Okay. Die Ablehnung erfolgte also aufgrund von Gesetzen. Gut, da kann man wenig tun, letztendlich handeln alle Institutionen danach, ob man es versteht oder nicht.


Aber um es noch einmal zusammenzufassen:


Berliner Schulen können ihren normalen Unterricht nicht durchführen, weil ihnen Lehrer fehlen. Eine Bewerberin mit 7 Jahren Lehrerfahrung und Erfahrung im Unterricht von Deutsch als Fremdsprache wird abgelehnt, weil … sie keinen Master hat?


Mit anderen Worten: Hätte ich einen Master in altorientalischer Byzantik, wäre ich qualifiziert, Lehrer zu werden, Lehrerfahrung, die vielleicht in diesem Beruf nicht ganz so unwichtig ist, nicht.


Ich lass das unkommentiert so stehen.


Was bringen einem zwei weitere Jahre Theorie? Der Praxisanteil, in dem man Didaktik und Methodik erlernt, ist so erschreckend gering, dass ich mit meiner Nachhilfelehrertätigkeit mehr Erfahrung im Unterrichten hatte als meine Kommilitonen, die Lehramt studierten. An meiner Uni umfasste dieser Teil nämlich nur 30 Leistungspunkten von insgesamt 180.


Ich hätte mit meinem Germanistik-Studium nur Fächer im Master studieren können, die weiterhin lesen, diskutieren, analysieren bedeutet hätten. Keinerlei Praxiserfahrung, keinerlei reales Leben außerhalb der Uniglocke. Inwiefern trägt diese Qualifikation stärker dazu bei, ein besserer Lehrer zu sein? Bzw. besser dafür geeignet zu sein, Quereinsteiger zu werden?


Wenn die Kriterien so sind, haben wir keinen Lehrermangel, sondern ein Problem mit Prioritäten, die absolut falsch gesetzt werden und Gesetzen, die nicht zum heutigen Bedarf passen. Ich weiß aus Gesprächen mit Lehrern an verschiedenen Schulen, dass sie mich mit Kusshand sofort einstellen würden, wenn sie es dürften und diese Gesetze selbst nicht verstehen. Lieber jemand ohne Papier, dafür aber mit einem Händchen fürs Unterrichten. Lieber jemanden ohne Masterabschluss, aber dafür eine helfende Kraft, anstatt die Stunden ausfallen zu lassen.


Aber was viel schlimmer ist: Am Ende leiden darunter die Schüler, die rein gar nichts für diese absurden Gesetze können. Die ihre Zentralprüfungen trotzdem bestehen müssen, ob der Unterricht stattfindet oder nicht. Die keinerlei Macht haben, etwas an dieser Situation zu ändern.


Mir geht es überhaupt nicht darum, dass man mich abgelehnt hat, darüber bin ich ehrlich gesagt sehr froh. Zum einen, weil ich nicht mit Kindern arbeiten möchte, zum anderen, weil ich den nicht aufhören wollenden Diskussionen in meinem Umfeld endlich einen Riegel vorschieben kann. Auch ein Masterabschluss hätte mir in keinster Weise die Sicherheit gegeben, mich als Lehrerin vor Grundschülern in irgendeiner Weise qualifiziert zu fühlen. Mir geht es um die Art; um die Probleme, die solche Bewerbungsprozesse schafft. Und darum, dass es nicht sein kann, dass sich dieses Problem auf Menschen auswirkt, die dafür rein gar nichts können.


Deswegen: Bitte hört auf, von Lehrermangel zu sprechen, der keiner ist. Hört auf, jedes Jahr zu jammern, wie furchtbar es ist, dass es nicht genug Lehrer gibt.


Es gibt sie. Man muss vielleicht nur mal bereit sein, einem verdammten Blatt Papier weniger Wichtigkeit beizumessen, als praktischer Erfahrung. Aber das ist in Deutschland ja so gut wie unmöglich.


No worries,

Sarah


Weiterführende Links:
Der weite Weg als Quereinsteiger
Quereinsteiger in Berlin
Quereinsteiger berichten